Heftige
Kritik an Merkels Israel-Besuch
Jerusalem. Längst nicht alle
Israelis fanden den Besuch von Angela
Merkel in der vergangenen Woche richtig gut. Meir
Margalit etwa empörte sich derart, dass er im
Nachhinein einen offenen Brief an die
Bundeskanzlerin verfasste. Damit man in Deutschland
begreife,
wie er es ausdrückt, dass "das Friedenslager alles andere als
glücklich
über Merkels einseitige
Margalit ist
Historiker und ehemaliges Jerusalemer Stadtratsmitglied von der Meretz-
Auch ein Abstecher nach Ramallah zu
Das findet auch Gideon Levy,
ein Guru der israelischen Friedensbewegung. In seiner
wöchentlichen Kolumne in
der Zeitung Haa-retz notierte er spitz, Merkel sei zwar "königlich
empfangen" worden, habe aber jedes kontroverse Thema vermieden. Ihre Rede habe sich deswegen als "hohl" erwiesen. Die
europäischen Führer verfehlten ihre politischen und
moralischen
Nicht
"öffentlicher Diskurs"
Tom Segev,
einer der
großen kritischen Köpfe in Israel und Deutschlandkenner,
hatte in einem
Kommentar nach Abreise der Kanzlerin ähnliche Gedanken
ausgedrückt.
Merkels
"rückhaltlose Unterstützung
für die israelische
Aber hat Deutschland nicht auch 63 Jahre nach Kriegsende zu Recht noch eine besondere Haltung zu Israel? Sollten sich Deutsche nicht besser mit Kritik an Israel zurückhalten?
Das kommt drauf an. Ich denke, dass die Lehre aus der Ablehnung des Hitlerismus eine universelle ist. Überall wo Menschenrechte eklatant verletzt werden, sollte man im Namen des Antinazismus protestieren. Das ist jedenfalls meine Schlussfolgerung aus der NS-Zeit.
Nun argumentiert Israel, mit Blick auf Gaza, mit dem Selbstverteidigungsrecht. Und es werden ja Raketen von Gaza auf israelisches Gebiet abgefeuert.
Ja, sicher. Aber Israel hat in Gaza genauso wie im Libanon systematisch, absichtlich und massiv zivile Ziele wie Elektrizitätswerke zerstört. Und es ist doch zum Verzweifeln, dass die israelische Regierung seit Jahrzehnten nicht begreift, dass die massive Zerstörung, die Israel anrichtet, stets neue Terroristen erzeugt. Damit bleibt der Kreislauf der Gewalt in Schwung. Daniel Barenboim, der das israelische-palästinensische Jugendorchester gegründet hat, sagte kürzlich am Ende eines Interviews: "Olmert könnte nie Dirigent sein, weil er nicht zuhören kann."
Aber völkerrechtlich ist es legitim, wenn Israel sich gegen Angriffe militärisch vereidigt.
Nur wenn es verhältnismäßig ist. Und die Zivilbevölkerung zu bestrafen, ist nicht verhältnismäßig. Und fremdes Gebiet zu besetzen, ist nicht legitim. Genau das tut Israel seit Jahrzehnten.
Würden Protestnoten der EU oder Deutschlands an Israel denn etwas nutzen - oder wäre das nur Symbolpolitik? Was soll die EU denn real fordern?
Mindestens dass Israel nicht wie im Libanon, im Westjordanland und Gaza zivile Infrastruktur zerstört, die die EU bezahlt hat. Ich verstehe auch nicht, warum die Deutschen, die doch leidvolle Erfahrungen mit Mauern haben, nicht empfindlicher auf die Mauer reagieren, die Israel iim Westjordanland baut.
In israelischer Lesart ist dies ein Zaun, der für Israels Sicherheit notwendig ist.
Das stimmt nicht. Das ist eine Grenze, die Palästina durchschneidet und die Bevölkerung ebenso demütigt wie die Checkpoints.
Sind Sie nicht einseitig?
Ich bin als kleiner Jude 1933 in Frankfurt gedemütigt worden. Ich kann nicht verstehen, dass Juden demütigen. Es geht auch um das Verständnis für das Leiden der anderen. 1953 habe ich in Paris mein erstes Deutschland-Buch veröffentlicht, in dem es auch viel um deutsches Leid, um Dresden und die Vertreibung ging. Warum? Weil ich glaubte, dass wir von einem jungen Deutschen nur verlangen konnten, das Ausmaß von Hitlers Verbrechen zu begreifen, wenn wir auch Verständnis für das Leid der Seinen zeigten. Und ich glaube eben auch nicht, dass man von einem jungen Bewohner Gazas verlangen kann, dass er den Horror der Attentate in Israel begreift, wenn man keinerlei Verständnis für seinen Hunger und seine Aussichtslosigkeit erkennen lässt.
Welche Druckmöglichkeiten hat die EU denn?
Natürlich wirtschaftliche, es gibt ja viel Handel. Aber die EU wird Israel nicht mit Sanktionen drohen. Aber wie wäre es, mit der israelische Regierung ganz offen über die Angriffe auf Gaza und die Mauer zu sprechen? Und über all die Resolutionen der UN, die Israel missachtet hat und noch immer missachtet, obwohl Israel doch ständig darauf hinweist, dass es durch eine UN-Resolution entstanden ist. Mehr schlage ich gar nicht vor.
Was sollte Angela Merkel also Ihrer Meinung nach in Jerusalem tun?
Genau dies Olmert sagen. Unter vier Augen Klartext reden, im öffentlichen Auftritt moderat sein. Wäre das unter befreundeten Staaten zu viel verlangt? Es gibt außerdem doch eine Kluft zwischen Moral und Realpolitik zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier in Bezug auf China. Kann man sich so einen Dissens nicht auch in Bezug auf Israel vorstellen?
INTERVIEW: STEFAN REINECKE
Thomas Rothschild
Die Achse des Guten
BÖRNE-PREIS
2007 FÜR HENRYK M.
BRODER
Provokation als Aufklärung?
Seit
1993 wird der
Ludwig-Börne-Preis alljährlich für herausragende
Leistungen aus den Bereichen
Essay, Kritik und Reportage vergeben. So gesehen ist der Publizist
Henryk M.
Broder, dem die Auszeichnung an diesem Wochenende verliehen wird, ein
würdiger
Preisträger. Als Essayist und Kritiker hat er Arbeiten publiziert,
die man mit
Fug und Recht als hervorragend bezeichnen kann.
Den Preis gönne ich Broder aus
vollem Herzen, wie ich Wolf Biermann das
Bundesverdienstkreuz und die Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin
gönne. Der
Ludwig-Börne-Preis wird von jeweils einem einzigen Juror vergeben,
und das war
in diesem Jahr der Herausgeber und Chefredakteur des Magazins Focus,
Helmut Markwort, dem man gewiss nicht zu nahe tritt, wenn man ihn als
ausgewiesenen Verfechter eines militanten Konservatismus
charakterisiert.
Biermanns Auszeichnungen wurden von Personen befürwortet, die man
ohne Zögern
der rechten Hälfte des politischen Spektrums zurechnen darf.
Es muss also erlaubt sein, sich
darüber Gedanken zu machen, in welchem Kontext
diese Ehrungen stehen, wem sie dienen und welche Funktion sie haben.
Darüber
hinaus mag man sich fragen, was die Auslober des
Ludwig-Börne-Preises, den in
früheren Jahren immerhin auch eine dezidiert linke Publizistin wie
Daniela Dahn
erhalten hat, sich dabei dachten, als sie Markwort zum Juror
bestellten. Die
Einsetzung eines Jurors, der in alleiniger Verantwortung über
einen Preisträger
entscheidet, bedeutet stets eine weit gehende Vorwegnahme des
Ergebnisses. Es
ist eine Erwähnung wert, dass zum mehrheitlich konservativen
Stiftungsvorstand
des Preises auch Markworts Arbeitgeber Hubert Burda gehört - eine
pikante
Konstellation.
Kotau vor den USA
Als ich Henryk M. Broder vor knapp
40 Jahren kennen lernte, trat er als
wohltuend frecher, gescheiter Provokateur auf, der formidabel in die
Landschaft
der 68er-Rebellion passte. Er liebte es, Tabus zu brechen, vor allem
die
herrschenden Tabus der restaurativen Gesellschaft, in der sich alte
Nazis
ungeniert breit machten und Spießer das Sagen hatten. Schwer
vorzustellen, dass
Helmut Markwort mit seiner Wahl jenen Broder ehren will, der damals
eine mutige
Kampagne gegen einen Kölner Nazirichter führte, der sich
beharrlich für die
Kurden einsetzte, als in Deutschland kaum jemand wusste, was das
für ein Volk
ist, der aber auch den Wiener Aktionismus kritisch analysierte. Broder
gehörte
zu den Veranstaltern der Essener Songtage, bei denen 1968 jene
Liedermacher
auftraten, die eine andere Republik herbeisehnten. An der
antikapitalistischen
Überzeugung derer, die da mitmischten, konnte es keinen Zweifel
geben. Helmut
Markwort gehörte nicht dazu.
Inzwischen aber hat sich in Broders
Kopf ein bemerkenswerter Wandel vollzogen.
Es existiert ein weit über Broder hinausgehendes Phänomen,
das der genaueren
Untersuchung bedürfte. In den Jahren des Nationalsozialismus, aber
auch schon
davor, gab es unter jüdischen Intellektuellen eine Tendenz, mit
der Linken zu
sympathisieren, ja in kommunistische Parteien und andere Organisationen
der
Arbeiterbewegung einzutreten, weil diese die konsequentesten Gegner der
Nazis
waren und somit auch des Antisemitismus unverdächtig zu sein
schienen. Als dann
der lange verdrängte Antisemitismus in der Sowjetunion und - im
Zusammenhang
mit dem Rajk- oder dem Slánsky-Prozess - in deren
Satellitenstaaten erkennbar
wurde, als sich zudem im Kalten Krieg die ursprünglich positive
Haltung der
UdSSR gegenüber Israel zu einer antizionistischen Position
umzukehren begann,
gerieten viele von diesen Juden in einen Loyalitätskonflikt.
Solch einem Konflikt ist Broder
offenbar erlegen, als er in seiner deutschen
Umgebung den "linken Antisemitismus" zu entdecken meinte. Nun wäre
es
borniert, wollte man leugnen, dass es auch unter Linken antisemitische
Ansichten und Äußerungen gibt. Aber für Broder wurden
sie - ungeachtet des
ungebrochenen Einflusses alter und neuer Nazis - zum zentralen Objekt
seiner
Angriffe. Als er dann bald zur Gleichsetzung von Antizionismus und
Antisemitismus gelangte, war es nur noch ein kurzer Weg zum Vorwurf des
"jüdischen Antisemitismus" gegenüber Juden, die seine
Einschätzung
der Politik Israels nicht teilten.
Das mag unter der Prämisse des
erwähnten Loyalitätskonflikts noch verständlich
sein. Warum sollten Juden nicht den nationalistischen Unsinn der
Überidentifikation mit den idealisierten "eigenen Leuten"
reproduzieren, der seit dem 19. Jahrhundert anderswo um sich gegriffen
und auch
den Nährboden für Antisemitismus und Chauvinismus abgegeben
hat? Gerade Broder
hat stets die Zumutung abgelehnt, dass man aus eigenem Leid gelernt
haben -
durch das Opfer von Millionen Toten menschlicher geworden sein soll.
Werbung für
Tschibo?
Aber warum muss die Ablehnung des
Antizionismus einhergehen mit einer
bedingungslosen Apologie des Kapitalismus, den Broder in seiner Jugend
durchschaut
hatte? Warum muss sie einhergehen mit der Befürwortung sozialer
Kälte, dem
Kotau vor den USA und der Hetze gegenüber dem Islam? Gewiss wurden
diese
Begleitmelodien nicht in Hinblick auf den Luwig-Börne-Preis
intoniert. Aber sie
dürften ganz wesentlich dazu beigetragen haben, die Zuneigung von
Helmut
Markwort zu erobern. Die Zuneigung des Focus-Chefs für einen
Mitarbeiter des konkurrierenden Spiegel immerhin.
Henryk M. Broder ist der Kopf des
publizistischen Netzwerks Die
Achse des
Guten. Das Credo dieser
Online-Gemeinschaft formuliert deren Mitglied
Hannes Stein so: "Diese Leute denken, dass der Kapitalismus eher eine
gute
Sache ist. Sie finden, dass liberale Demokratie und Marktwirtschaft
zusammengehören wie Yin und Yang. Sie halten Karl Popper in Ehren
und haben
Friedrich von Hayeks Klassiker Der
Weg zur Knechtschaft
verschlungen,
in dem begründet wird, warum jede Variante des Sozialismus, und
sei sie noch so
gut gemeint, ins gesellschaftspolitische Desaster führen muss. Die
Vorstellung,
dass Kündigungsschutz sozial, gut und edel sei, löst bei
diesen Leuten
Lachkrämpfe aus. Sie weigern sich hartnäckig, ihren Müll
zu trennen. Unter den
bunten Pace-Fahnen der Friedensbewegung hält man vergeblich nach
ihnen
Ausschau. Noch verrückter: Diese Außenseiter
äußern offen ihre Sympathie für
Amerika. George W. Bush gilt ihnen nicht als Kreuzung von Schimpanse
und Adolf
Hitler. Sie waren für den Krieg gegen Saddam Hussein; dabei
interessierte sie
wenig, ob es im Irak wirklich Massenvernichtungswaffen gab. Es ging
ihnen eher
um die Beseitigung einer besonders widerlichen Diktatur, in der
Hoffnung, dass
dadurch die Tore zu einer Demokratisierung des gesamten Nahen Ostens
aufgestoßen werden könnten.
Nicht Armut, sondern Tyrannei halten
solche Ketzer für die Wurzel des
islamischen Terrors. Heute fordern sie die Befreiung des Iran von den
Mullahs -
möglichst noch, bevor dieses Land die Atombombe fertig gebaut hat.
Sie
demonstrieren im Geiste mit den Taiwanesen für die
Unabhängigkeit von
Festland-China. Ach ja, und um das Fass voll zu machen, ist diese
Randgruppe
auch noch ausgesprochen israelfreundlich. Sie registriert sehr genau,
wenn
einer der festangestellten Moscheeprediger der palästinensischen
Autonomiebehörde wieder einmal zur Beseitigung des ›zionistischen
Gebildes‹,
zum Völkermord an den israelischen Juden aufruft. Mit einem Wort,
der liberale
Underground hierzulande steht den Neokonservativen in Washington
ziemlich nahe.
Paul Wolfowitz ist einer ihrer Helden. Mit der klugen Condoleezza Rice
würden
sie alle gern mal essen gehen."
Wir tun also niemandem Unrecht, wenn
wir sagen: Der Ludwig-Börne-Preis 2007
geht an einen Essayisten, der gegen die eben zitierte Selbstdefinition
keine
Einwände vorzubringen hatte. Dass derlei einem Helmut Markwort
gefällt,
überrascht nicht. Und der Provokationswert? Er ist gering. Dieses
Bekenntnis
passt exakt in die Landschaft des aktuellen Kulturkampfes. Und seine
Anhänger,
die sich gern als verfolgte Minderheit darstellen, besetzen wichtige
Positionen
im Spiegel, in der Welt, der Welt am Sonntag, in der
ZEIT. Focus lacht sich ins Fäustchen. So nah
war man sich
noch nie.
DIE ZEIT? Was hat dieses berühmt liberale
Blatt mit dem zitierten
Statement zu tun? Nun, deren Herausgeber Josef Joffe hat zusammen mit
drei
Mitgliedern der guten Achsenmacht ein Buch veröffentlicht. Sein
Titel: Schöner
Denken. Wie man politisch unkorrekt ist. Darin fällt Broder unter anderem
etwas zum Stichwort "soziale Kälte" ein. Wo sie droht, belehrt uns
der Börne-Preisträger in spe, gibt es "in den
Freudenhäusern an der
Reeperbahn (...) heißen Kaffee als Zugabe". Das mag ja politisch
unkorrekt
sein. Ist es auch witzig? Was ist es eigentlich? Eine Verhöhnung
derer, die
ihren Arbeitsplatz verloren haben? Eine Werbung für Tschibo? Oder
gar eine
Distanzierung von Freudenhäusern, deren Existenz Broder einst
gegen die
Prüderie feministischer Eiferer verteidigt hat? Geblieben ist die
Attitüde der
Provokation. Heute richtet sie sich gegen jene, denen es dreckiger geht
als dem
Spiegel-Reporter.
Gleich an Wolfowitz
Nun könnte es sein, dass Helmut
Markwort, da Ludwig Börne nicht nur Demokrat,
sondern auch Jude war, den nach ihm benannten Preis an einen Juden
vergeben
wollte. Dieser Gesichtspunkt hat zwar in den vorausgegangenen Jahren
eine
untergeordnete Rolle gespielt - aber sei´s drum. Dass Broder sein
Judentum zu
einem Markenzeichen gemacht hat, steht außer Zweifel. In der
Öffentlichkeit
gilt er als einer, der den Deutschen unangenehme Wahrheiten über
ihr Verhältnis
zu den Juden ins Gesicht sagt. Aber auch in diesem Kontext vertritt
Broder seit
langem eine ganz bestimmte Position, die Konservativen gut in den Kram
passt.
Auf die Bestsellerlisten gelangte er
zuletzt mit seinem Buch Hurra,
wir
kapitulieren. Von der Lust am Einknicken. Der Titel zeugt einmal mehr von
Broders Sinn für Effekte, der Zeitpunkt der Veröffentlichung
beweist, dass der
Radikaloppositionelle von einst heute im Mainstream angekommen ist. Das
Buch
traf exakt auf den Höhepunkt der Islamophobie, die als
Rechtfertigung für den
Irak-Krieg systematisch angeheizt worden war.
Als Leitmotiv zieht sich der Begriff
des "Appeasement" durch die
Streitschrift. Damit wird eine historische Parallele konstruiert.
Appeasement
bezeichnet bekanntlich die Politik der Westmächte gegenüber
Hitler, die 1938
zum Münchner Abkommen führte. Die Verwendung dieses Begriffs
suggeriert eine
Vergleichbarkeit der Islamisten mit den Nationalsozialisten und ihrer
Aktionen
wie der Annexion Österreichs und des Überfalls auf die
Tschechoslowakei. Eine
gewagte These, noch dazu von jemandem, der in anderem Zusammenhang
jeden
Vergleich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten der
unzulässigen
Verharmlosung derselben bezichtigt.
Was an Broders Argumenten irritiert,
ist nicht ihr Tabubruch, sondern ihre
Apodiktik. Manchmal versteckt sie sich hinter Spott und Ironie. Die
moslemischen Männer - so erfahren wir von ihm - freuen sich
(allesamt?) auf 72
Jungfrauen im Jenseits und wissen nicht, dass Pamela Anderson ein
Fantasieprodukt ist, "weil sie nie gelernt haben, zwischen Wunsch und
Wirklichkeit zu unterscheiden". Nicht jedes angebliche Vorurteil ist
eines. Dies aber ist - schon in seiner Syntax - unverkennbar ein
Klischee, das
den Klischees des Antisemitismus zum Verwechseln ähnelt. Zumindest
dafür dürfte
man Broder größere Sensibilität abverlangen.
Ausgerechnet einer, der nicht
müde wurde, seiner christlichen Umwelt, zu Recht
und manchmal auch zu Unrecht, Antisemitismus vorzuwerfen,
beschwört den
gemeinsamen islamischen Feind. Vergessen, dass Jahrhunderte der
Verfolgung,
dass die Pogrome in Russland und die Gaskammern in Auschwitz auf das
Konto von
Christen gingen, dass es islamische Länder waren, die den Juden
eine Heimat
boten, als sie 1492 vor der Inquisition und der Zwangschristianisierung
fliehen
mussten. Es hat etwas Tragisches, wenn Juden glauben, die ständig
drohende
Gefahr von ihren Häuptern abwenden zu können, indem sie sich
an Christen
anbiedern durch den Hinweis auf einen gemeinsamen Gegner, der als
Projektionsfläche dient für alle Verbrechen, die Christen
seit dem Mittelalter begangen
haben.
Wenn das Broders Altersweisheit ist,
was da zum Vorschein kommt, lobe ich mir
erneut seinen jugendlichen Übereifer von einst. Das
christlich-jüdische
Versöhnungspathos, das immer schon auf Kosten der Agnostiker
zelebriert wurde,
richtet sich jetzt gegen den Islam. Das Vorbild des Antisemitismus ist
dabei
unschwer zu orten.
Nehmen wir Henryk M. Broder zu
wichtig? Ich glaube nicht. In ihm verkörpert
sich wie in keinem zweiten deutschen Publizisten unserer Tage ein eng
verflochtenes Bündel von Haltungen: die Diffamierung der 68er, die
Denunziation
der Kritik an der Politik der USA und Israels, die Verteufelung all
dessen, was
diesen gegenüberzustehen scheint, besonders des Islam. Broder
repräsentiert den
Kulturkampf der Rechten gegen die Aufklärung. Ludwig Börne
muss dafür seinen
guten Namen geben.
Erinnern wir uns: Vor kurzem erst
musste Peter Handke unter dem Druck der
allgemeinen Empörung über seine Bemerkungen zu Milosevic auf
den
Heinrich-Heine-Preis verzichten. Dass Broder auf den nach Heines
Zeitgenossen
und Kontrahenten benannten Preis verzichtet, wird von niemandem
erwartet.
Broder hat sich - wen wundert´s - auch zu Handke
geäußert. Auf seiner Homepage
ätzte er gegen die Verleiher eines alternativen Heine-Preises:
"Und was den
Berliner Heine-Preis angeht: Den könnte man statt an Handke doch
gleich an
Milosevic verleihen, für seine großen Verdienste um die
Menschenrechte und die
Freiheit der Kunst." Wir greifen die Anregung gern auf und variieren
sie
nur geringfügig: "Und was den Ludwig-Börne-Preis angeht: Den
könnte man
statt an Broder doch gleich an Paul Wolfowitz verleihen, für seine
großen
Verdienste um die Menschenrechte und die Bekämpfung der
Vetternwirtschaft."
Quelle: Freitag / Nr. 25, 22.06.2007
Uri Avnery, 9.6.07
Vierzig
schlimme Jahre
„RUHE KAM über die
Müden / und Entspannung über die
Arbeiter / Bleiche Nacht bedeckt / die
Felder im Jesreeltal / Unten der Tau / und oben der Mond / vom Kibbuz
Bet Alfa
bis Moshav Nahalal…“
So sangen wir , als wir jung waren. Jetzt ist es ein
Fernseh-Nostalgieprogramm: junge Leute aus den Fünfzigern singen
die Lieder der
Pioniere.
Die
Gedanken gehen zurück. Wer waren die Pioniere, die als
erste diese Lieder sangen?
Sie kamen aus reichen Häusern in Petersburg, aus den
Schtetl Galiziens, Söhne und Töchter von
Universitätsprofessoren in Deutschland.
Sie hätten nach Amerika auswandern können, wie es die meisten
der Immigranten
damals machten. Sie wurden aber von einem fernen Land im Orient
angezogen – zu
einem großen nationalen Abenteuer. Sie lebten in elender Armut,
taten unter
glühender Sonne, die sich nicht gewohnt waren, Schwerstarbeit, und
träumten von
einer perfekten menschlichen Gesellschaft.
Sie waren wirkliche Idealisten. Sie nahmen gar nicht wahr,
dass sie dabei waren, ein anderes Volk zu verletzen. Die Araber waren
für sie
ein Teil der romantischen Landschaft.
Sie glaubten in aller Unschuld,
sie brächten allen Einwohnern
des Landes Segen und Fortschritt.
Heute, vier oder fünf Generationen später sehen sie ganz
anders aus. Ihre Unschuld ist vergessen. Für viele sieht sie wie
reine Heuchelei
aus, ein Vorwand für Landraub und Unterdrückung.
Das ist eine der Folgen von 40 Jahren Besatzung. Die
jetzigen Siedler behaupten, die
Nachfolger jener Pioniere der
20er und 30er Jahre zu sein. Sie sagen, sie
seien die Pioniere von heute. Diese gewalttätigen, raubenden
Grobiane erwarten
von uns wirklich, dass man Pioniere von damals als ihre geistigen
Väter
ansieht.
Wenn wir all den
Schaden zusammenaddieren, den die Besatzung uns zugefügt hat – ja, auch uns und
nicht nur den direkten Opfern, den
Einwohnern der besetzten Gebiete - so
sollten wir dies nicht vergessen. Die Besatzung vergiftet die nationale
Erinnerung. Sie beschmutzt nicht nur die Gegenwart, sondern auch die
Vergangenheit und zwar nicht nur in den Augen der Welt, sondern auch in
unseren
eigenen Augen.
ES IST schon genug, was
die Besatzung gegenüber der
jüdischen Religion angetan hat.
Was ist davon geblieben ?
Besorgte Freunde sandten mir vor kurzem eine E-Mail mit
einigen haarsträubenden Zitaten eines Statements von Rabbiner
Mordechai
Eliyahu, dem früheren sephardischen Oberrabbiner Israels und dem
geistigen
Führer der Siedler und des ganzen religiös- zionistischen
Lagers. In einem
Brief an den Ministerpräsidenten urteilt
der Rabbiner, dass es unzulässig
sei, Mitleid mit der zivilen Bevölkerung von Gaza zu haben, wenn
sie israelische
Soldaten gefährde. Sein Sohn Shmuel
interpretierte diese Verfügung im Auftrag seines Vaters:
wenn das Töten
von 100 Arabern nicht ausreicht, um den Beschuss mit Kassam-Raketen zu
beenden,
dann müssen Tausend getötet werden. Und wenn dies nicht
genügt, dann 10 000 und
100 000 oder gar eine Million. All dies, um die Kassams zu stoppen,
denen es in
all den Jahren kaum gelungen ist, ein Dutzend Juden zu töten.
Welche Verbindung gibt es zwischen dieser „religiösen“
Einstellung und dem Gott, der in Genesis 18 versprochen hat, Sodom
nicht zu
zerstören, wenn in ihr nur zehn Gerechte gefunden werden?
Welchen Unterschied gibt es zwischen dieser moralischen
Haltung und der Nazi-Methode, zehn Geiseln für jeden vom
Widerstand getöteten
deutschen Soldaten zu erschießen?
Die Verfügung des Rabbiners hat keine Reaktion
hervorgerufen. Es gab keinen Aufschrei, weder von seinen Anhängern
noch von der
allgemeinen Öffentlichkeit. Die Zahl der Rabbiner, die
öffentlich solche
Methoden unterstützen, geht in die Hunderte. Die meisten kommen
aus den
Siedlungen. Dies ist eine „religiöse“
Ansicht, die in der vergifteten Atmosphäre der Besatzung gedeihen konnte, eine Besatzungsreligion.
Sie bringt über die ganze
jüdische
Religion der Gegenwart und Vergangenheit
Schande.
Kein Wunder, dass eine Person mit starkem religiösen
Bewusstsein, Avraham Burg, der
frühere Sprecher der Knesset und Vorsitzender der Jewish Agency,
sich in dieser Woche vom
Zionismus losgesagt
hat und forderte, die Bezeichnung Israels als „Jüdischen Staat“
aufzugeben.
DER HINWEIS, dass die Besatzung die israelische Armee
zerstört, ist nicht neu.
Eine Armee kann ihre Aufgabe, den Staat gegen potentielle
Feinde zu verteidigen, nicht mehr
erfüllen, wenn sie jahrzehntelang als Kolonialpolizei
beschäftigt war. Man kann
Todesschwadronen attraktive Namen verpassen – „Kommando Mango“ oder
„Einheit
Pfirsich“ – doch bleiben sie, was sie sind: ein Instrument
brutalen Mordens und der Unterdrückung.
Ein Offizier, der heute
eine Aktion einer Undercovereinheit
in der Altstadt von Nablus – nämlich
den Mord an einem „ranghohen
Militanten“ im Mafiastil plant - wird
anderntags nicht in der Lage sein, ein Panzerbataillon
gegen einen
raffinierten Feind zu führen. Eine Armee, die auf Steinewerfer schießt,
Kinder in den Gassen des Flüchtlingslagers Balata
verfolgt oder eine Ein-Tonnen-Bombe auf
Wohngebäude wirft, kann nicht über Nacht
zu einer wirksamen Militärmacht auf einem modernen
Schlachtfeld werden.
Man muss gar nicht den Vinograd-Bericht gelesen haben. Es
genügt, die Kommandeure von 1967 – Leute wie Yitzhak Rabin, Israel
Tal, Ezer
Weizman, Dado Elazar und Matti Peled – mit den entsprechenden Leuten
von heute
vergleichen. Nach 40 Jahren
verachtenswürdigem Tun gegen eine wehrlose Bevölkerung
zieht die Armee
keine jungen Leute mehr an, die selbständig denken und hoch
motiviert sind,
Leute die wagen und improvisieren können.
Sie zieht die Mittelmäßigen der
Mittelmäßigen an.
Im Sechstage-Krieg hatten wir eine kleine, hoch
entwickelte Armee, die den Staat von innerhalb der Grünen Linie
verteidigte,
die von Abba Eban mit „Auschwitzgrenze“ beschrieben wurde. Diese Armee
benötigte kaum sechs Tage, um vier gegnerische Armeen zu besiegen.
Seitdem ist das Gebiet größer
geworden und hat
ideale „Sicherheitsgrenzen“ erreicht, die Armee ist viel
größer geworden und
ihr Budget viel aufgeblasener. Die Ergebnisse konnten im zweiten
Libanonkrieg
gesehen werden.
Vom militärischen Gesichtspunkt aus ist die Besatzung eine
ernste Bedrohung der Sicherheit des Staates.
DER
OBERSTE
Gerichtshof ist nicht verschont geblieben. Früher haben
Meinungsumfragen
gezeigt, dass die Öffentlichkeit die Knesset
verhöhnt und die Regierung
verspottet, aber den Obersten Gerichtshof als eine Bastion der
Demokratie
und als eine Quelle des Stolzes respektierte.
Jetzt wird offensichtlich, dass es dafür keine solide
Basis gab. In dem Augenblick, in dem der Oberste Richter Aharon Barak
sich aus
dem Gerichtwesen zurückzog, versank das ganze juristische System
in einem
Morast von Intrigen, gegenseitiger Anklagen und sogar übler
Nachrede. Nicht nur
in anonymen Internetblocks, sondern auch in den Statements des neuen
Justizministers, der von einem vom persönlichen
Korruptionsskandalen verfolgten Ministerpräsidenten ernannt
wurde.
Wie konnte das geschehen?
Seit vielen Jahren hat der Gerichtshof in
einer Welt der Illusionen gelebt. Die
Richter verschlossen ihre Augen vor ihren eigenen Taten. Während
sie glaubten,
eine Festung des Liberalismus und der
Demokratie zu sein, erlaubten sie außergerichtliche Todesstrafen.
Sie
verschlossen ihre Augen, während
Folteranwendung zur Routine wurde. Sie erschufen riesige Mengen
sophistischer Argumente, um zu beweisen, dass die monströse Mauer
aus
Sicherheitsgründen notwendig sei und ignorierten dabei die
offensichtliche
Tatsache, dass es ihr Hauptziel ist, weiteres Land für die
Siedlungen zu
grabschen.
Als der Internationale Gerichtshof in Den
Haag seine einfache, klare und
unwiderlegbare Meinung äußerte, dass die Mauer das
Völkerecht und die verschiedenen
Konventionen verletzt,
die auch Israel unterzeichnet hat, stimmte unser Oberster Gerichtshof
nicht
damit überein.
Ein Gericht, das sich auf einem Gebiet selbst belügt, kann
nicht auf einem anderen seine
Integrität aufrecht erhalten. Die „Bastion der Demokratie“ wurde
untergraben
und fällt völlig in sich zusammen.
In der Zwischenzeit wird das Gesetzesbuch mit
rassistischer Gesetzgebung besudelt: angefangen mit dem Gesetz, dass es
israelischen Bürgern verunmöglicht mit ihren
palästinensischen Ehepartnern in
Israel zu leben, bis zu jenem Erlass, der in dieser Woche die
Zustimmung der
Knesset in erster Abstimmung erhalten hat, und der es mit den Stimmen
von nur
80 Knessetmitgliedern gestattet, ein jedes Knessetmitglied aus der
Knesset
auszuschließen, dass es wagen sollte, Kritik an einem Minister
des Kabinetts
oder einem hochrangigen Armeeangehörigen zu äußern, und
zwar gleich, ob dies im
Parlament oder außerhalb desselben geschieht.
ES KANN nicht verleugnet werden: 40 Jahre Besatzung haben
den Staat Israel bis zur Unkenntlichkeit
verändert.
Das stimmt für alle Lebensbereiche. Alle sind davon
betroffen worden.
Die 18Jährigen, die von anständigen Eltern
als Menschen mit moralischen Werten erzogen
worden waren, werden zum Militär eingezogen und werden so zu einem
Teil der
brutalen Subkultur ihrer Einheiten. Sie werden indoktriniert, dass
jeder
brutale Akt gegen Araber gerechtfertigt sei. Nur wenige und besondere
Individuen sind in der Lage, sich dem Druck zu entziehen. Nach drei
Jahren
Militärdienst verlässt die Mehrheit die Armee
als harte Männer mit
abgestumpften Gefühlen. Die Brutalität in unsern
Straßen, das routinemäßige
Töten rund um unsere Diskotheken, die Verbreitung von
Vergewaltigungen und die
Gewalt innerhalb der Familien – all dies wurde zweifelsohne durch die
tägliche
Realität der Besatzung
beeinflusst. Schließlich wird diese ja durch
dieselben Personen realisiert.
Ein Polizist, der nach Hebron und an den
Hawara-Kontrollpunkt gesandt wird, und der die Bewohner dort wie
minderwertige
Geschöpfe behandelt, der wie ein Sadist handelt oder den Sadismus
seiner
Kameraden duldet – wird er zu einer anderen Person, wenn er nach Tel
Aviv,
Haifa oder Shfa’ram zurück versetzt wird? Wird er am nächsten
Morgen
aufwachen und sich -wunderbarerweise
- in
einen liebevollen Mitmenschen in einer demokratischen
Gesellschaft
verwandelt haben ?
Seit Jahren lügen die Sicherheitsdienste, die Polizei und
die Armee über die Dinge, die sich in den besetzten Gebieten ereignen. Das Lügen wurde zur Routine.
Nur
wenige Journalisten in der Welt akzeptieren
fraglos diese Statements. Und wenn man sich ans Lügen in
einem Sektor
gewöhnt hat, kann die Verlogenheit
woanders nicht aufgehalten werden. Die Lügner der Armee,
der Polizei und
der anderen Dienste haben sich daran gewöhnt, auch in anderen
Angelegenheiten zu lügen.
In den besetzten Gebieten herrscht die Korruption.
Angehörige der Militärverwaltung legen ihre Uniform ab und
führen dort
zweifelhafte Geschäfte. Kapitalistische Raubritter profitieren
auch davon .
Natürlich ist dies nicht die einzige Quelle der Korruption, die sich zu einem Fluch unseres Staates
entwickelt hat, aber es handelt sich sicher um einen mitwirkenden
Faktor.
DIE
BESATZUNG schafft
Fäulnis, die durch alle Poren des
nationalen Organismus dringt.
Nach 40 Jahren
gibt es wenig Ähnlichkeit zwischen dem Staat Israel, wie er
heute ist
und dem, wie die Gründer in ihrer
Phantasie ihn sich vorgestellt haben: ein Modell sozialer
Gerechtigkeit, der
Gleichheit und des Friedens. Die Gründer träumten von einer
modernen,
aufgeklärten, säkularen, liberalen, sozial fortschrittlichen
Gesellschaft mit
blühender Wirtschaft, die allen zugute kommt.
Die Realität, wie wir sie kennen, sieht total anders aus.
Es stimmt wohl, dass man der Besatzung nicht alle Schuld
zuschieben kann. Auch vor 1967 war der Staat längst nicht perfekt.
Aber die
Gesellschaft hatte das Gefühl, dass dies eine vorübergehende
Situation wäre.
Die Dinge können repariert und verbessert werden. Als die
israelische Republik
zu einem israelischen Empire wurde, begann die dramatische
Veränderung.
AM
ENDE DES Sechs-Tage-Kriegs salutierte uns die ganze
Welt. Der kleine tapfere David hatte gegen Goliath gesiegt. Nun werden
wir
als der gemeine, brutale Goliath
angesehen.
Der gegen Israel angekündigte Boykott verschiedener
ausländischer Organisationen, sollte ein Warnlicht aufleuchten
lassen. In der
Unabhängigkeitserklärung der USA schrieb Thomas Jefferson,
dass sich jede
Nation mit einer "geziemenden Achtung vor den Meinungen des
Menschengeschlechts" verhalten solle. Das war nicht nur eine Sache der
Moral, sondern auch des praktischen
gesunden Menschenverstandes. Eine von unserer Seite aufrecht
erhaltene
Besatzung, die das Völkerrecht verletzt, spuckt den "Meinungen des
Menschengeschlechts" ins Gesicht.
Von Israel erwartet man anderes als vom Kongo und Sudan.
Aber seit Jahren sehen Hunderte Millionen Menschen
fast täglich mit an, wie Israel in der Gestalt von bis an
die
Zähne bewaffneten Besatzungssoldaten, eine hilflose
Bevölkerung brutal misshandelt. Die
aufgestaute Wirkung
dieser Bilder wird nun deutlich.
Man kann der Meinung der Weltöffentlichkeit mit Verachtung
begegnen – im Sinne von Stalins Frage:
„Wie viel Divisionen hat der Papst?“. Doch das ist dumm. Die
internationale
Meinung kann auf tausend verschiedene
Weisen zum Ausdruck kommen. Sie beeinflusst die Politik der Regierungen
und der
zivilen Gesellschaft. Die Versuche eines Boykotts sind nur ein
frühes Symptom.
Aber jenseits all der schlimmen Dinge, die die Besatzung
über Israel gebracht hat – innerhalb und außerhalb – gibt es
etwas, das uns
alle betrifft. Jeder Mensch möchte stolz auf sein Land sein. Die
Besatzung
nimmt uns diesen Stolz.
AM
VIERZIGSTEN
Jahrestages der Besatzung von Ost-Jerusalem wollte ein
ausländischer
Fernsehsender mit mir im muslimischen Viertel der Altstadt ein
Interview
machen. Wir gingen in die Via Dolorosa, den sog. Kreuzweg. Die
Straße war fast
leer. Die Geschäftleute von Läden mit Antiquitäten,
wertvollen Teppichen und
Souvenirs standen mit verzweifelten Gesichtern auf ihren
Türschwellen und
versuchten, uns hineinzulocken.
Von Zeit zu Zeit ging eine kleine Gruppen Touristen
vorbei. Jede Gruppe war von vier Sicherheitsbeamten in weißen
Uniformen
begleitet, zwei vor der Gruppe und zwei am Ende und jeder hielt eine
geladene
Pistole schussbereit in der Hand. So geht man heute durch die
Straße.
Das ist die Realität des „vereinigten und unteilbaren
Jerusalem, der ewigen Hauptstadt
Israels“ - so der offizielle Slogan 40
Jahre nach seiner „Befreiung“.
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs und Christoph Glanz, vom
Verfasser autorisiert)
Vorsicht,
Frieden!
taz Nr. 8082 vom 23.9.2006,
Seite 12, 241 Kommentar URI AVNERY, taz-Debatte
Die palästinensische
Einheitsregierung und die Arabische Liga setzen Israel unter Druck:
Nahost-Verhandlungen rücken wieder näher. Genau davor
fürchtet man sich in
Israel.
Ein Gespenst geht um in den
Korridoren der Macht in Jerusalem: Ein schrecklicher Feind hat sich
verschworen, uns Frieden aufzuerlegen. Er nähert sich uns von
zwei Seiten, in
einer großen Zangenbewegung. Die eine Seite geht von der
palästinensischen
Einheitsregierung aus, die gerade im Entstehen begriffen ist. Die
andere Seite
geht von der Arabischen Liga aus, die entschieden hat, den arabischen
Friedensplan wieder zu beleben. Aus der Perspektive der israelischen
Regierung
ist diese Entwicklung weit bedrohlicher als alle Raketen Hassan
Nasrallahs
zusammen.
Die palästinensische
Einheitsregierung ist in erster Linie dazu gedacht, die internen
Probleme der
Palästinenser zu lösen. Seitdem das
palästinensische Volk die Hamas gewählt
hat, herrscht auf der palästinensischen Straße
Anarchie. Die ständigen
Auseinandersetzungen zwischen dem Präsidenten, der der Fatah
vorsteht, und dem
Ministerpräsidenten, der zur Hamas gehört, haben
einen Zustand der Lähmung
geschaffen.
Die Fatah dominiert die
moderne palästinensische Nationalbewegung seit ihrer
Gründung durch Jassir
Arafat vor fast 50 Jahren; sie hat sich mit ihrer Niederlage nicht
abgefunden.
Aber ein Volk, das um seine reine Existenz kämpft, kann es
sich nicht leisten,
dass seine beiden wichtigsten Gruppierungen gegeneinander
kämpfen, statt
gemeinsam für die nationale Befreiung zu streiten.
Nicht zu vergessen ist die
Blockade, die der palästinensischen Behörde durch
Europa und die USA - auf
Befehl von Bush - auferlegt wurde. Sie stellt einen noch nie da
gewesenen
Versuch dar, ein ganzes Volk buchstäblich auszuhungern, damit
es seine
demokratisch gewählte Regierung absetzt. Die Einheitsregierung
ist dazu
bestimmt, die öffentliche Ordnung wieder herzustellen und den
internationalen
Boykott zu beenden.
Damit dies geschieht, muss
die Regierung einige Hindernisse überwinden. Für die
Hamas ist es schwierig,
Israel offiziell anzuerkennen. Dies hat nichts mit Antisemitismus zu
tun, wie
gerne behauptet wird, sondern mit religiösen Gründen:
Nach islamischer Auffassung
stellt das Land Palästina ein religiöses
Stiftungsland (Waqf) dar, das allein
Allah gehört. (Das ähnelt dem
jüdisch-fundamentalistischen Glauben, dass Gott
uns dieses Land versprochen hat. Wer einen Teil davon aufgibt, begeht
eine
Sünde.) Aber diese islamische Auslegung lässt eine
Hintertür offen, indem sie
eine langfristige Hudna (Waffenstillstand) ermöglicht, die
Jahrzehnte oder gar
Jahrhunderte dauern kann.
Um dieses Dilemma zu lösen,
muss die von der Hamas angeführte Einheitsregierung dazu
gebracht werden, dem
"Gefangenen-Dokument" zuzustimmen, den UN-Resolutionen sowie den
zwischen Israel und der PLO unterzeichneten Abkommen und dem arabischen
Friedensplan. Sie alle basieren auf der Anerkennung Israels. Das sollte
daher
jedem genügen, der wirklich einen
israelisch-palästinensischen Frieden wünscht.
Soweit dies unsere Regierung betrifft, liegt genau hier der Hase im
Pfeffer.
Der zweite Teil der
Friedensoffensive besteht in der Wiederbelebung des arabischen
Friedensplanes.
Dieser Plan wurde ursprünglich von Abdallah, dem damaligen
Kronprinzen und
jetzigen König von Saudi-Arabien, ersonnen und beim
Gipfeltreffen der
arabischen Staatsoberhäupter in Beirut im März 2002
angenommen. Der Plan lautet
in etwa so: Die ganze arabische Welt wird Israel anerkennen und mit ihm
Frieden
schließen, wenn es sich auf die Grenzen von 1967
zurückzieht und die Schaffung
eines palästinensischen Staates mit der Hauptstadt
Ost-Jerusalem ermöglicht.
Die israelische Regierung wies die Initiative damals umgehend
zurück. Der Plan
verschwand in irgendeiner Schublade, und seitdem hat sich eine dicke
Staubschicht darauf gelegt. Nun haben die fiesen Araber entschieden,
diesen
Plan zu entstauben und ihn wieder auf den Tisch zu legen.
Gegen diese Gefahr der
arabischen Friedenstreiber mobilisiert die Olmert-Regierung derzeit
alle
Kräfte. Obwohl die politische und militärische
Führung ganz damit beschäftigt
ist, nach dem Libanon-Fiasko um ihr Überleben zu
kämpfen, rückt sie angesichts
dieser schrecklichen Bedrohung zusammen. Außenministerin Zipi
Livni wurde Hals
über Kopf in die USA geschickt, um die Gefahr abzuwenden. Dort
bemühte sie
sich, Präsident Bush davon zu überzeugen, das US-Veto
gegen eine
Friedensresolution des UN-Sicherheitsrates einzusetzen. Vom Dachboden
des
Außenministeriums nahm sie zu diesem Zweck einen
diplomatischen Papierfetzen
mit, der "Roadmap" genannt wird. Der israelischen Regierung war es
bislang nie in den Sinn gekommen, dieses Abkommen umzusetzen, dessen
einziger
Zweck von Anfang an war, den Eindruck zu erwecken, dass
Präsident Bush im Nahen
Osten irgendetwas erreicht habe. Aber alle Parteien wussten von Anfang
an: Es
ist ein Dokument, das nicht umgesetzt werden kann.
Israel und die USA werden
deshalb erklären, dass der arabische Plan dem Frieden schade,
weil er der
Roadmap widerspricht. Die palästinensische Einheitsregierung,
wenn sie denn
zustande kommt, müsse weiter boykottiert werden, solange nicht
alle ihre
Mitglieder explizit den Staat Israel anerkennen (als ob alle Mitglieder
der
israelischen Regierung bereit wären, den Staat
Palästina und seine Regierung
anzuerkennen, geschweige denn der Gewalt abzuschwören und alle
bestehenden
Abkommen auszuführen). Deshalb muss die Blockade des
palästinensischen Volkes
weitergehen, bis es auf Knien rutscht.
Warum fürchtet die
israelische Regierung diese Friedensoffensive so sehr? Wenn uns jemand
am 4.
Juni 1967 erzählt hätte, dass die ganze arabische
Welt bereit wäre, mit uns in
den damals bestehenden Grenzen Frieden zu schließen, dann
hätten wir uns
gefühlt, als wäre der Messias nahe. Aber am 5. Juni
1967 starteten wir einen
Krieg, der alles verändern sollte. Bald hatten wir ganz
Palästina und weitere
Gebiete unter Kontrolle. Wir erklärten damals, dass wir sie
nur vorübergehend
halten wollten, zu Verhandlungszwecken. Aber wie allgemein bekannt,
kommt mit
dem Essen auch der Appetit. Wir begannen, Gebiete zu annektieren
(Ost-Jerusalem
und seine Umgebung sowie die Golanhöhen), und
überzogen die Westbank mit
Siedlungen.
In den Augen der
israelischen Führung ist die Friedensinitiative - jede
Friedensinitiative -
nichts als eine üble Verschwörung, um uns der
besetzten Gebiete zu berauben.
Sie würde uns zwingen, das Siedlungsunternehmen abzubrechen,
das wir seit 1968
ohne Unterbrechung fortgeführt haben und das auch jetzt in
vollem Schwange ist.
Und sie würde uns zwingen, bestehende Siedlungen
abzureißen.
Die arabische
Friedensinitiative könnte erfolgreich sein, wenn sie die
israelische
Öffentlichkeit direkt und eindeutig vor die Wahl stellen
würde: Frieden ohne
die besetzten Gebiete - oder die besetzten Gebiete ohne Frieden. Nach
sechs
großen und mehreren kleineren Kriegen sollten wir eigentlich
erkennen, dass der
Preis der Besetzung zu hoch ist.
Als
Napoleon bei Waterloo siegte
Uri Avnery, 2.9.06
Napoleon gewann die Schlacht
bei Waterloo. Die deutsche Wehrmacht siegte im 2.Weltkrieg. Die USA
gewann den
Vietnamkrieg und die Sowjets in Afghanistan. Die jüdischen
Zeloten besiegten
die Römer, und Ehud Olmert gewann den 2. Libanonkrieg.
Das
ist nicht bekannt? Nun,
während der letzten paar Tage stolzierte in den israelischen
Medien eine lange
Reihe von Experten, die keinen Raum für Zweifel
ließen: der Krieg brachte uns
große Errungenschaften, die Hisbollah war vernichtend
geschlagen worden, Olmert
ist der große Sieger.
Die
Gastgeber und Moderatoren
der Fernseh-Talkshows stellten ihre Mikrophone in den Dienst von
Professoren,
Öffentlichkeitsexperten,
„Sicherheitsleuten“ und
„Strategen“ (ein Titel, der
nicht Generäle bezeichnet, sondern Berater von Politikern).
Alle stimmen darin
überein: es war ein wirklicher Sieg.
Als
ich gestern den Fernseher
anschaltete, sah ich eine Person, die mit großer
Selbstsicherheit erklärte,
dass unser Sieg im Libanon den Weg für einen unvermeidlichen
Krieg mit dem Iran
ebnet. Die Analyse, die fast vollständig aus Klischees
zusammengesetzt war, entsprach
der eines Gymnasialschülers. Ich war erschrocken, als ich
erfuhr, dass der Mann
ein früherer Chef des Mossad war. Auf jeden Fall haben wir den
Krieg gewonnen,
und wir sind dabei, den nächsten Krieg zu gewinnen.
Deshalb
ist eine
Untersuchungskommission gar nicht nötig. Was gibt es denn zu
untersuchen?
Alles, was wir brauchen, sind ein paar Komitees, die kleine, hier und
dort
geschehene Schnitzer klären.
Rücktritte
sind absolut
unnötig. Warum auch? Was ist denn geschehen? Sieger treten
nicht zurück. Ist
Napoleon nach Waterloo zurückgetreten? Traten die
Präsidenten Johnson und Nixon
nach dem, was in Vietnam geschehen war, zurück? Sind die
Zeloten nach der
Zerstörung des Tempels zurückgetreten?
Spass
beiseite, die Parade
von Olmerts Handlangern beim Fernsehen, dem Radio und den Printmedien
erzählt
uns einiges. Nicht über die Errungenschaften von Olmert als
dem Staatsmann und
Strategen, sondern über die Integrität der Medien.
Als
der Krieg ausbrach,
ordneten sich alle Medienleute auf ein und dieselbe Linie ein und
wurden über
Nacht zu einem Propaganda-Bataillon. Alle Medien – ohne
Ausnahme – wurden Teile
der Kriegsmaschine; sie scharwenzelten um Olmert, Peretz und Halutz,
wurden
beim Anblick der Zerstörungen im Libanon immer
enthusiastischer und sangen
Loblieder über die „Standhaftigkeit der zivilen
Bevölkerung“ im Norden Israels.
Die Öffentlichkeit wurde ständigen Siegesnachrichten
ausgesetzt, die
buchstäblich vom frühen Morgen bis spät in
die Nacht liefen.
Die
Regierung und die
Armeesprecher bestimmten gemeinsam mit Olmerts Propagandateam, wann was
veröffentlicht werden durfte – und was noch
wichtiger ist, worüber zu schweigen
war.
Das
fand im Wort „Wortwäsche“
seinen Ausdruck. Anstelle von präzisen Wörtern kamen
missverständliche Ausdrücke:
Als im Libanon schwere Kämpfe wüteten, sprachen die
Medien von „Schusswechsel“.
Der feige Hassan Nasrallah versteckte sich in seinem Bunker,
während unser tapferer
Generalstabschef von seinem Untergrundkommandoposten aus (mit dem
Spitznamen
„die Höhle“) die Operationen leitete.
Die
feigen „Terroristen“ der
Hisbollah versteckten sich hinter Frauen und Kindern und operierten
mitten aus
den Dörfern – völlig anders als unser
Verteidigungsministerium und Generalstab,
die mitten im bevölkertsten Teil Israels angesiedelt sind.
Unsere Soldaten
waren nicht bei einer Militäraktion gefangen genommen, sondern
„entführt“
worden wie Opfer von Gangstern, während unsere Armee die
Führer von Hamas
„verhafteten“. Die Hisbollah wird – wie
wir alle wissen – vom Iran und von
Syrien „finanziert“, anders als Israel, das
„ großzügige
Unterstützung“ von
unserm großen Freund und Verbündeten, der USA,
erhält.
Da
gab es natürlich einen
Unterschied wie Tag und Nacht zwischen der Hisbollah und uns. Wie kann
man nur
vergleichen? Hisbollah schoss Granaten auf uns, um ganz bewusst
Zivilisten zu
töten, und tötete tatsächlich etwa
dreißig von ihnen. Während unser Militär,
„die moralischste Armee der Welt“, sich
große Mühe gab, keine Zivilisten zu
treffen und deshalb „nur“ etwa 800 libanesische
Zivilisten, die Hälfte davon
Kinder, ihr Leben bei den Bombardements, die alle nur auf
militärische Ziele
gerichtet waren, verloren haben.
Kein
General konnte mit den
Militärkorrespondenten und -Kommentatoren verglichen werden,
die täglich im
Fernsehen in eindrucksvollen militärischen Posen erschienen
und über den Kampf
berichteten, und verlangten, tiefer in den Libanon vorzudringen. Nur
sehr
aufmerksame Beobachter bemerkten, dass sie die Kämpfer gar
nicht begleiteten
und auch nicht die Gefahren und Schmerzen der Schlacht teilten
– etwas sehr
Wesentliches bei einer ehrlichen Kriegsberichtserstattung.
Während des ganzen
Krieges sah ich nur zwei Reportagen, die wirklich den Geist der
Soldaten
reflektierten – die eine von Itay Angel und die andere von
Nahum Barnea.
Der
Tod von Soldaten wurde im
Allgemeinen erst nach Mitternacht mitgeteilt, wenn die meisten schon
schliefen.
Während des Tages meldeten die Medien nur von
„verletzten“ Soldaten. Der
offizielle Vorwand war der, dass man erst die Familien
verständigen müsse. Das
stimmt zwar – aber es betraf nur die Namen der gefallenen
Soldaten. Es betraf
keinesfalls die Zahl der Toten. (Die Öffentlichkeit hat
allerdings schnell
begriffen und verstanden, dass „verwundet“
„getötet“ bedeutet.)
Natürlich
waren unter den
fast tausend Leuten, die während des Krieges von den
Fernsehstudios eingeladen
waren, um ihre Ansichten zu äußern, keine Stimmen,
die den Krieg selbst
kritisierten. Zwei oder drei, die aus Alibi-Gründen eingeladen
worden waren,
wurden als lächerliche und irre Typen hingestellt. Zwei oder
drei arabische
Bürger waren auch eingeladen worden, aber die Talkmeister
fielen über sie wie
Jagdhunde über ihre Beute her.
Wochenlang
unterdrückten die
Medien die Tatsache, dass Hunderttausende Israelis den bombardierten
Norden
verlassen hatten und nur die Ärmsten zurück gelassen
wurden. Das hätte die
Legende von der „Standhaftigkeit des Hinterlandes“
erschüttert.
Alle
Medien (mit Ausnahme des
Internets) unterdrückten vollkommen die Nachrichten
über die Demonstrationen
gegen den Krieg, die fast täglich stattfanden und die schnell
größer wurden:
von einigen Dutzenden am Anfang zu Hunderten und Tausenden
später. (Nur Kanal 1
widmete ein paar Sekunden der kleinen Demo von Meretz und Peace Now,
die kurz
vor Kriegsende stattfand. Beide Gruppen hatten den Krieg fast bis zum
Ende begeistert
unterstützt.)
Ich
sage dies nicht als Dozent
für Kommunikationswesen oder als verärgerter
Politiker. Ich bin von Kopf bis
Fuß eine Medienperson. Seit meinem 17. Lebensjahr habe ich
als Journalist und
Reporter, Kolumnist und Redakteur gearbeitet. Ich weiß sehr
wohl, wie Medien
von moralischer Integrität arbeiten sollten. (Den einzigen
Preis, den ich
jemals in meinem eigenen Land erhielt, wurde mir von der
Journalisten-Gesellschaft für das „Lebenswerk im
Journalismus“ verliehen.)
Übrigens
denke ich nicht,
dass das Verhalten unserer Medien schlechter war als das der
amerikanischen
Kollegen zu Beginn des Irakkrieges oder der britischen Medien
während des
Falkland-Malvinas-Krieges. Aber die Skandale der anderen
können kein Trost für
die eigenen sein.
Auf
dem Hintergrund dieser
massiven Gehirnwäsche muss man auf die wenigen hinweisen, die
man an den
Fingern beider Hände zählen kann, die sich nicht dem
allgemeinen Chor
angeschlossen haben und die in den Printmedien ihre Kritik
äußerten, so weit es
ihnen erlaubt war. Die Namen sind wohl bekannt – ich werde
sie nicht aufzählen,
aus Sorge, jemanden zu übersehen und damit eine unverzeihliche
Sünde zu
begehen. Sie können erhobenen Hauptes gehen. Das Problem liegt
bloß darin, dass
ihre Kommentare nur auf den Meinungsseiten stehen, die einen begrenzten
Einfluss auf die Öffentlichkeit haben, jedoch auf den
Nachrichtenseiten und in
den Nachrichtenprogrammen völlig fehlen, die die
tägliche öffentliche Meinung gestalten.
Wenn
die Medienleute jetzt
leidenschaftlich über die Notwendigkeit aller
möglichen Untersuchungskommissionen
und -Komitees debattieren, sollten sie vielleicht ein
persönliches Beispiel
geben und eine Untersuchungskommission aufstellen, die die Aktionen der
Medien
selbst zu einem Zeitpunkt der höchsten
Bewährungsprüfung untersucht.
In
Goethes „Faust“ stellt
sich der Teufel selbst dar als die „Kraft, die stets das
Böse will und stets
das Gute schafft“. Nun ich will – Gott bewahre!
– die Medien nicht mit dem
Teufel vergleichen – aber das Resultat ist dasselbe: durch
die begeisterte
Unterstützung des Krieges verschlimmerten die Medien das
Gefühl des
Fehlschlages, das danach folgte, und das womöglich am Ende
sogar noch einen positiven
Einfluss hat.
Die
Medien nannten die
Hisbollah eine „Terrororganisation“ und erweckten
so den Eindruck einer kleinen
Gruppe von „Terroristen“ mit Fähigkeiten,
die man übersehen könnte. Als es sich
herausstellte, dass es sich um eine effiziente und gut ausgebildete
militärische Kraft mit entschlossenen Kämpfern,
effektiven Raketen und anderen
Waffen handelt, die gegen unsere riesige Militärmaschine 33
Tage ohne
Unterbrechung durchhalten konnte, wurde die Enttäuschung sogar
noch größer.
Nachdem
die Medien unsere
Militärkommandeure als Supermänner gerühmt
und auf jede einzelne ihrer
Prahlereien mit Lobhudelei reagiert hatten, als ob sie fast
göttliche
Offenbarungen wären, wurde die Enttäuschung
natürlich größer, als sich
ernsthafte Fehler in der Strategie, der Taktik, im Nachrichtendienst
und der
Logistik auf allen Ebenen des ranghohen Kommandos gezeigt hatten.
Das
half mit zum gründlichen
Wechsel der öffentlichen Meinung, der schon vor Kriegsende
einsetzte. So groß,
wie das Selbstvertrauen war, so bedrückend war nun das
Gefühl des Fehlschlags.
Die Götter hatten versagt. Dem Kriegsrausch folgte am
nächsten Morgen der
Katzenjammer.
Und
wer rannte auf dem Weg zum
Platz der Guillotine an der Spitze des Mobs, der nach Rache schrie?
Natürlich
die Medien.
Ich
kann mich nicht an einen
einzigen Talkshowmeister, Moderator, Reporter oder Redakteur erinnern,
der
seine Schuld bekannt und um Vergebung für seinen Teil der
Gehirnwäsche gebeten
hat. Alles was gesagt, geschrieben oder fotografiert worden war, ist
wie
weggewischt. Es ist so, als hätte es sich nicht ereignet.
Jetzt,
wo der Schaden nicht
mehr repariert werden kann, setzen sich die Medien an die Spitze
derjenigen,
die die Wahrheit verlangen und nach Strafe für all die
skandalösen
Entscheidungen schreien, die von der Regierung und dem Generalstab
getroffen
wurden: die unnötige Verlängerung des Krieges nach
den ersten 6 Tagen, das
Im-Stich-lassen des Hinterlands, die Vernachlässigung der
Reserve, die
Zurückhaltung der Landarmee, dass sie nicht am Tag X, sondern
erst am Tag Y in
den Libanon geschickt wurde, die Ignorierung des Aufrufs der G8-Staaten
zur
Feuerpause und vieles mehr.
Aber
Moment mal –
Während
der letzten paar Tage
wendete sich das Rad noch einmal. Wie bitte? Wir haben den Krieg nicht
verloren? Moment mal – wir haben gewonnen? Nasrallah hat sich
entschuldigt?
(Nach strengen Befehlen von oben wurde das volle Interview nicht
ausgestrahlt,
aber die eine Passage, in der er einen Fehler zugegeben hat, wurde
immer wieder
ausgestrahlt.)
Die
sensiblen Nasen der
Medienleute spürten eine Veränderung der
Windrichtung. Einige haben nun auch
schon den Kurs verändert. Wenn es eine neue Woge in der
öffentlichen Meinung
gibt, warum sollte man nicht auf ihr reiten? Oder?
Wir
nennen dies den
„Altalena-Effekt“.
Für
die, die es nicht wissen
oder es schon vergessen haben: Die Altalena war ein kleines Schiff, das
in der
Mitte des Krieges von 1948 an der Küste Israels ankam, eine
Gruppe der
Irgunleute und eine Menge Waffen an Bord hatte, deren Bestimmung nicht
klar
war. David Ben Gurion fürchtete einen Putsch und befahl, das
Schiff vor der
Küste Tel Avivs zu bombardieren. Einige Leute kamen dabei um;
Menachem Begin,
der an Bord gegangen war, wurde ins Wasser gestoßen und so
gerettet. Das Schiff
sank. Die Irgun zerstreute sich, und seine Mitglieder schlossen sich
der
israelischen Armee an.
29
Jahre später kam Begin an
die Macht. Alle Karrieremacher schlossen sich ihm eiligst an. Und im
Rückblick
sah es so aus, als wäre praktisch jeder an Bord der Altalena
gewesen. Das
kleine Boot war zu einem riesigen Flugzeugträger geworden, bis
der Likud seine
Macht verloren hatte – und die Altalena wieder zur
Größe eines Fischerbootes
zusammenschrumpfte.
Der
2. Libanonkrieg war wie
eine mächtige Altalena. Alle Medien versammelten sich auf dem
Deck. Aber einen
Tag, nachdem der Krieg vorüber war, erfuhren wir, dass es sich
um eine optische
Täuschung gehandelt hatte: absolut niemand war dort gewesen,
außer dem Kapitän
Olmert, dem 1. Offizier Peretz und dem Steuermann Halutz. Das kann sich
jetzt
jeden Augenblick ändern, wenn das vertrauende Publikum
überzeugt werden kann,
dass wir den Krieg trotz allem gewonnen haben.
Wie
schon früher einmal gesagt
wurde: in Israel verändert sich nichts, außer der
Vergangenheit.
(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
Kriegsjunkies
Uri Avnery in einem Newsletter
vom 6. August 2006
Es war für mich ein
erschreckender Augenblick, als es mir wie Schuppen von den Augen fiel.
Ich hörte eine der
täglichen Reden unseres Ministerpräsidenten. Er
sagte: "Wir sind ein
wunderbares Volk!" Er sagte: "Wir haben diesen Krieg schon gewonnen, es
ist der
größte Sieg in der Geschichte unseres Staates." Und
weiter: "Wir haben das
Antlitz des Nahen Ostens verändert". Und noch mehr in dieser
Art.
"Nun", sagte ich zu mir
selbst, "das ist eben Olmert".
Ich kenne ihn,
seitdem er etwas über 20 Jahre alt war. Damals war ich
Mitglied der Knesset und
Olmert war (buchstäblich) Aktenträger eines anderen
Knessetmitgliedes. Seitdem
habe ich seine Karriere verfolgt. Er war niemals mehr als ein
Parteifunktionär,
ein Schmalspur-Politiker, der sich auf Manipulationen spezialisierte,
ein
mittelmäßiger Demagoge. Zwischendurch wechselte er
mehrfach die Parteien und
diente als Bürgermeister von Jerusalem mit der Note "kaum
genügend", bis er
sich der viel versprechenden Sache Ariel Scharons anschloss. Rein
zufällig
wurde ihm der leere Titel „Stellvertretender
Ministerpräsident“ verliehen. Und
als Scharon seinen Schlaganfall erlitt, geschah etwas, worüber
Olmert selbst
sehr überrascht war: er wurde Ministerpräsident.
Während seiner ganzen Karriere
blieb er durch und durch Zyniker, an sich vom rechten Flügel,
aber auch bereit,
gegenüber Linken vorzutäuschen, er sei ein Liberaler.
"Also", sagte ich zu
mir, "das wird eine weitere zynische Rede sein". Doch
plötzlich kam mir ein
entsetzlicher Gedanke: „Nein, der Mann glaubt
tatsächlich, was er sagt!“
Man kann es sich kaum
vorstellen, aber anscheinend glaubt Olmert wirklich, dies sei ein
erfolgreicher
Krieg, den er gewinnen werde; er habe radikal die Situation Israels
verändert;
er sei dabei, den Neuen Nahen Osten zu bauen; er sei ein historischer
Führer
und Ariel Scharon weit überlegen, (der ja immerhin im Libanon
besiegt worden
war und der der Hisbollah gestattete, ihr Raketenarsenal aufzubauen).
Je länger
es ihm erlaubt sei, mit diesem Krieg fortzufahren, um so mehr werde
sein
Ansehen bei zukünftigen Historikern wachsen.
Ehud Olmert hat
offensichtlich jeglichen Kontakt mit der Realität verloren. Er
lebt in einer selbst
geschaffenen Seifenblase. Seine Reden zeigen, dass er ein echtes
Problem hat.
Von allen Gefahren,
denen Israel jetzt ausgesetzt ist, sind es diese, die man am ernstesten
nehmen
sollte. Denn dieser Mann entscheidet ganz einfach über das
Schicksal von
Millionen: wer sterben, wer Flüchtling, wessen Welt
zerschmettert werden wird.
Aber Olmerts Problem
mit dem Größenwahnsinn ist nichts im Vergleich zu
dem, was mit Amir Peretz geschehen
ist.
Bei der
Knesset-Wahlkampagne erschien Peretz wie ein sozialer
Revolutionär. Er
verkündigte, er wolle das Antlitz der israelischen
Gesellschaft verändern, die
nationalen Prioritäten neu festlegen, Milliarden Schekel des
Militärbudgets der
Bildung, Erziehung, Wohlfahrt zukommen lassen und dafür
sorgen, dass die Kluft
zwischen den Reichen und Armen kleiner werde. Als alter
Friedensanhänger würde
er natürlich Frieden mit den Palästinensern und der
ganzen arabischen Welt
anstreben.
Dies ließ ihn die
Stimmen vieler Bürger gewinnen, einschließlich
vieler, die normalerweise nicht
daran gedacht haben, jemals Labor zu wählen.
Was dann folgte, ist
Geschichte. Er verführte sich selbst, als Olmert ihm das
Verteidigungsministerium anbot. Das war Olmert, der Zyniker. Er wusste
- genau
wie wir - dass Peretz in eine Falle tappt, dass er als reiner Zivilist
ohne
ernsthafte militärische Erfahrungen, zur leichten Beute der
Generäle werden
würde. Aber Peretz schrak nicht zurück. Das
höchste Ziel seines Lebens ist,
Ministerpräsident zu werden, und um ein glaubwürdiger
Kandidat zu sein, glaubte
er, er müsse sich selbst als Sicherheitsexperte
präsentieren.
Seitdem ist Peretz
zum Oberkriegstreiber geworden. Nicht nur, dass er alle Forderungen der
Generäle unterstützt, nicht nur dass er als ihr
Sprecher fungiert – er hat auch
mitgeholfen, Israel in den Krieg zu treiben. Seitdem fordert er, der
Krieg
solle fortgesetzt, ausgedehnt und vergrößert werden,
es solle mehr getötet,
mehr zerstört, mehr besetzt werden. Er erklärte
selbst: "Nasrallah wird niemals
den Namen Amir Peretz vergessen!" – wie ein
verwöhntes Kind, dass seinen Namen
in eine Touristenattraktion einritzt.
Im Augenblick
versucht er sogar, extremer als Olmert zu sein. Während der
Ministerpräsident
zögert, weiter zu gehen und um die zu vielen
Todesfälle durch Raketen und durch
Gefechte auf dem Boden besorgt ist, die ihm womöglich den
Siegesglanz
verdunkeln könnten. Peretz will den Litani-Fluss erreichen,
was immer es auch
kosten mag. Da gibt es keinen anderen Weg, falls man
Ministerpräsident werden
will: man muss über Leichen gehen.
So ist uns also ein
Monster geboren worden. Rosemaries Baby.
Heute, am 25.
Kriegstag können wir eine interne Bilanz ziehen. Was waren die
Ziele? Welches
sind die Ergebnisse?
1) "Die
Hisbollah zu
zerstören"
Wer würde gedacht
haben, dass die Hisbollah am 25. Tag noch immer stehen und
kämpfen würde? Ein
paar tausend Kämpfer gegen die fünftstärkste
Armee der Welt. Keiner spricht
mehr davon, sie zu eliminieren. Weder Olmert, noch Peretz und Dan
Halutz auch
nicht – der dritte im unheiligen Bunde.
2) "Die
Hisbollah
schwächen"
Das ist eine
verwässerte Version des ersten Zieles. Sie eignet sich besser;
denn sie kann
nicht nachgemessen werden. Jedenfalls werden in einem Krieg beide
Seiten
geschwächt. Menschen werden getötet und verwundet,
Waffen werden zerstört,
Installationen vernichtet. Doch während die israelische Armee
eine Division
nach der andern mobilisieren kann, und die Amerikaner sich beeilen,
noch mehr
Bomben zu liefern - können die Hisbollah denn solche Verluste
verkraften?
Keiner weiß, wie
viele Kämpfer die Organisation verloren hat. Die israelische
Armee verteilt
Schätzungen, ohne sie beweisen zu können. Die
Libanesen sprechen von viel
kleineren Zahlen und haben auch keine Beweise.
Aber das ist nicht
die Hauptsache. Eine Organisation wie die Hisbollah hat kein Problem,
immer
mehr Freiwillige für den "Heiligen Krieg" zu gewinnen. Egal
wie hoch ihre
Verluste sein mögen, nach dem Krieg wird die Organisation so
viele neue Kämpfer
trainieren, wie nötig sind. Ihr Arsenal wird sich mit neuen
Waffen wieder
auffüllen, die aus dem Iran und Syrien kommen . Die Grenze ist
lang. Es ist
unmöglich, sie völlig abzuriegeln.
3) "Die Hisbollah
von der Grenze entfernen"
Das ist ein
zusammengeschrumpftes Ziel, nachdem die beiden vorausgegangenen Ziele
sich als
unerreichbar erwiesen haben - ist auch dieses Ziel unerreichbar. Die
meisten
Hisbollah-Kämpfer kommen aus der lokalen Bevölkerung
der südlibanesischen
Städte und Dörfer. Sie werden auch weiterhin dort
sein, offen oder getarnt. Keine
internationale Kraft wird dies verhindern können, und die
libanesische Armee
sicher auch nicht.
Die Raketen können
weiter weg entfernt werden. Wie viele Kilometer? Zehn? Zwanzig? Das
wird die
Bedrohung Nahariyas, Haifas oder Tel Avivs nicht
beeinträchtigen – besonders,
seitdem die Reichweite der Raketen jedes Mal größer
wird, wenn technisch noch
weiter entwickelte Typen ankommen.
4) "Hassan Nasralla
töten"
Im Augenblick scheint
es, als sei der Bericht über seinen Tod eine
Übertreibung gewesen, um Mark
Twain zu zitieren. Als eine Art Parodie der Entebbe-Aktion wurde
Nasrallah aus
einem Krankenhaus in Baalbek gezogen – aber es war ein
anderer Hassan
Nasrallah. Uups!
5) "Der
israelischen Armee wieder das Abschreckungspotential
zurückgeben."
Keiner zweifelt
daran, dass die israelische Armee eine gute, professionelle Armee ist,
die
fähig ist, reguläre Armeen zu besiegen. Aber dieser
Krieg beweist, dass sie
nicht in der Lage ist, eine militärische Entscheidung gegen
eine fähige Guerillaorganisation
mit entschlossenen Kämpfern zu erreichen. Wenn die Hisbollah
nach 25 Tagen noch
lebt und kräftig ausschlägt, dann ist die
Abschreckung der israelischen Armee geschwächt
worden – was immer auch von jetzt an geschehen mag.
Von diesem Gesichtspunkt
aus gesehen hat der Krieg die Sicherheit Israels beschädigt.
Er hat bewiesen,
dass Israels Etappe einer Gefahr preisgegeben ist, dass die
Hisbollahkämpfer
keinesfalls den israelischen Soldaten unterlegen sind, dass es kein
De-Luxe-Krieg ist, dass die Luftkräfte nicht ohne die
Landtruppen gewinnen
können. Nicht einmal – wie hier – unter
idealen Voraussetzungen, wenn die
andere Seite so gut wie keine Luftverteidigung hat.
6) "Eine
internationale Truppe an der Grenze entlang aufstellen."
Dies ist eine Art
Notlösung, nachdem die andern Ziele in Rauch aufgegangen sind.
Zu Beginn des Krieges
war Olmert energisch gegen solch eine Truppe, weil sie die
Bewegungsfreiheit
der israelischen Armee einschränken würde. Es ist
klar, dass keine
internationale Truppe kommen wird, solange vor Ort keine Waffenruhe
herrscht
und kein Abkommen mit der Hisbollah erreicht sein wird. Niemand will
sich einem
Kreuzfeuer aussetzen. Deshalb müssen diese Kräfte
auch den Interessen der
Hisbollah dienen, sonst beginnt ein Guerillakrieg gegen sie. Sind
deswegen all
die Opfer gemacht worden?
7) "Wir
werden
eine neue Situation im Nahen Osten schaffen."
Das Ziel ist
tatsächlich erreicht worden – aber nicht in der
Weise, die Olmert es sich (und
uns) erzählte.
Die weitreichenden
Kriegsfolgen werden nicht unmittelbar wahrgenommen. Sie
gehören zur Kategorie,
die Bismarck als „Imponderabilien“ definierte
– Dinge, die man weder wiegen
noch messen kann.
Zehn Millionen Araber
und hundert Millionen Muslime sehen jeden Tag auf ihren Fernsehschirmen
die
entsetzlichen Bilder der zermalmten Babys, die Anblicke der
schrecklichen
Zerstörung. Das wird sich tief ins Bewusstsein der Massen
einprägen und wird
eine Menge Zorn und Hass anhäufen, der viel
gefährlicher sein wird als ein
Arsenal von Raketen. In diesen 25 Tagen werden Tausende von
Selbstmordattentätern neu geschaffen. Und so wie die Gestalt
Nasrallahs als
Held der arabischen Welt wächst, so wird die Achtung vor den
„moderaten“
arabischen Regimen abnehmen – genau die Regime, auf die die
USA und Israel
angewiesen sind, um den Neuen Nahen Osten aufzubauen.
Nach dem 25. Tag wird
der 26. kommen und noch ein Tag und noch einer. Präsident
Bush, der uns in diesen
Krieg gestoßen hat, treibt uns an, weiter zu machen ( "bis
zum letzten
israelischen Soldaten" – wie man sagt). Genau wie Olmert lebt
er in einer
Phantasiewelt.
Bush, Olmert &
Co. können die Massen anstacheln und hinter sich sammeln, bis
der Ruf "Der Kaiser
ist ja nackt!" empfängliche Ohren erreicht.
Eine der
scheußlichsten Ansichten des Krieges ist das Bild der
internationalen
Diplomaten, die alles taten, um Olmert und Co in die Lage zu setzen,
mit dem
Krieg fortzufahren. Die UN ist seit langem ein Agent des
Weißen Hauses
geworden. Heuchelei und Scheinheiligkeit haben einen großen
Tag, während auf
beiden Seiten der Grenze Leben zerstört und Tote beerdigt
wurden.
Olmert will so viele
Tage wie möglich für die Fortsetzung des Kampfes
"gewinnen". Was wird unser
Gewinn sein? Wir erobern den Südlibanon, wie Fliegen die
Fliegenfalle erobern.
Generäle präsentieren Landkarten mit eindruckvollen
Pfeilen und zeigen, wie die
Hisbollah nach Norden gedrängt wird. Das wäre
überzeugend – wenn wir von der
Frontlinie eines Krieges mit einer regulären Armee reden
würden, so wie sie es
in der Militärakademie gelernt haben. Aber dies ist ein
völlig anderer Krieg.
Im eroberten Gebiet bleiben die Hisbollahleute, und unsere Soldaten
sind
Angriffen ausgesetzt, wie die Hisbollah sie von ihrem ersten Tag an mit
Erfolg
ausgeführt hat.
Wir werden also bis
an den Litani-Fluss gehen. Danach gibt es wiederum einen Fluss und noch
einen
Fluss. Der Libanon hat eine Menge Flüsse, an die wir gelangen
können.
Vielleicht würde es sich
für diese beiden Junkys, Olmert und Peretz, lohnen, von ihrem
Rausch
aufzuwachen, und die Landkarte zu studieren.
Presseerklärung
zur
Morddrohung
gegen Uri
Avnery
Wie soeben bekannt wird, hat der Vorsitzende der rechtsextremen Jüdisch-Nationalen Front, Baruch Marzel, zur gezielten Tötung Uri Avnerys durch die israelische Armee aufgerufen. Wir nehmen nicht an, daß die israelische Armee diesem Aufruf nachkommt. Aber spätestens seit der Ermordung Yitzhak Rabins wissen wir, wie schnell eine solche Mordhetze Täter auf den Plan ruft, die es als ihre Aufgabe ansehen, ein solches Urteil zu vollstrecken.
Das P.E.N.-Zentrum Deutschland appelliert an die israelische Regierung, sich deutlich gegen den Mordaufruf Baruch Marzels zu erklären und zu veranlassen, daß er dafür von einem ordentlichen Gericht zur Rechenschaft gezogen wird.
Gleichzeitig bitten wir die Bundesregierung und die Vertreter der Europäischen Gemeinschaft, ihren Einfluß auf die israelische Regierung geltend zu machen, damit sie Uri Avnery vor Fanatikern schützt, die ihm nach dem Leben trachten.
Wir sind entsetzt darüber, daß ein rechtsextremer Fanatiker wie Marzel im israelischen Fernsehen seinen Mordaufruf wiederholen darf und dabei auch noch ein großes Foto Uri Avnerys gezeigt wird. Wer Mordhetzer auf diese Weise ein Forum bietet, macht sich selbst mitschuldig.
Johano
Strasser
Präsident
P.E.N.-Zentrum Deutschland
pax
christi schockiert über
Morddrohungen gegen Uri Avnery
Gestern erreichte uns die
Nachricht aus Israel, dass gegen den israelischen Fiedensaktivisten und
Gründer
von Gush Shalom, Uri Avnery, Morddrohungen von Seiten eines
Abgeordneten-Kandidaten ausgesprochen wurden. In einem Schreiben an
Außenminister Steinmeier äußert der
Generalsekretär der deutschen Sektion, Dr.
Reinhard Voß, seine Sorge und Bestürzung und bittet
um Intervention.
Wir zitieren das Schreiben:
Sehr geehrter Herr Außenminister Steinmeier,
heute ereichte uns über den Aachener Friedenspreis die
unglaubliche Meldung,
dass der seit 1933 in Israel lebende, in Deutschland geborene,
Friedensaktivist
Uri Avnery (Gründer und Sprecher von Gush Shalom), dessen
Stimme wir hier sehr
schätzen, vom Abgeordneten-Kandidaten Baruch Marzzel mit
Morddrohungen an den
Pranger gestellt wurde und dazu auch noch, wie Uri Avnery selbst heute
nach
Aachen schrieb, "nach dieser Morddrohung im israelischen Fernsehen
darueber lange interviewt worden ist (mit meinem Bild im Hintergrund)
(...) Die
Besatzung verroht Israel."
Wir unterstützen die Forderungen des Aachener Friedenspreises
auf
Strafverfolgung dieses Abgeordneten und den Schutz von Uri Avnery und
bitten
Sie, bei der israelischen Botschaft bzw. Regierung deshab vorstellig zu
werden.
Mit freundlichen und besorgten Grüßen
Dr. Reinhard Voß
Incitement
to Murder
At an election
meeting, the leader of the "Jewish National Front" list, Baruch
Marzel, called upon the Israeli army to kill Uri Avnery - this was
reported by
the right-wing Haaretz reporter, Nadav Shragai
on March 21. The story was also published in Maariv, and
the day before
in all the important on-line papers.
Clearly, the
Israeli army was mentioned only in order to disguise the incitement to
murder -
a criminal offence - as a proposal to the military.
The call came
after the official radio, Kol Israel, broadcast remarks made by Avnery
to a
reporter during a demonstration against the Israeli army attack on the
Jericho
prison. The declared aim of this action was to capture the leader of
the
Palestinian Popular Front, who allegedly ordered the killing of the
Israeli
minister, Rehav'am Ze'evi, after the killing of the former leader of
the
Popular Front. Answering a question, Avnery said that the killing of
Ze'evi was
a Palestinian 'targeted killing", much like the killing of Palestinian
political leaders by the Israeli army. The radio did not quote his next
words:
"I am against all assassinations, both by Israelis and Palestinians."
On the day of
publication, one of the most popular Israeli TV programs, "Five in the
Evening", asked him to take part in a joint interview with Marzel.
Avnery
refused, of course. But "Channel 10" interviewed Marzel at length,
with a huge picture of Avnery in the background.
Marzel's
participation in the elections contravenes Israeli law, which prohibits
racist
lists. Marzel vows to realize the program of the late Rabbi Meir
Kahane, whose
election list was prohibited years ago by the Supreme Court. However,
in his
election broadcasts, which were confirmed by the chairperson of the
Election
Committee, there appears a picture of Kahane.
The news of
the call for murder was published abroad. It alerted several peace and
human
rights organizations, who issued statements of condemnation and sent
protest
letter to the Israeli embassies. Especially active was the "AAchen
Peace
Prize" committee in Germany, which years ago had awarded its
prestigious
prize to Gush Shalom and Uri Avnery. It demanded that the German
Foreign
Ministry and the Israeli ambassador in Berlin intervene in order to
induce the
Israeli government to indict Marzel for incitement to murder.
Neues Deutschland, 27.
März 2006
Herr Avnery, Israel steht
vor Parlamentswahlen. Wird sich danach etwas im Land
verändern?
Die
Kadima-Partei unter der Führung von Ehud Olmert wird aller
Wahrscheinlichkeit nach die Wahlen gewinnen, was eine Fortsetzung der
Scharon-Politik bedeutet. Die Annexion von mehr als der Hälfte
des
Westjordanlandes wurde in dieser Politik nicht in Frage gestellt, eine
Reduzierung der israelischen Grenze auf die Grüne Linie von
1967 nicht in
Erwägung gezogen.
Sie spielen dabei auf die
zum Teil
fertiggestellte Mauer zwischen Israel und den
palästinensischen Gebieten an.
Die Mauer hat nur sehr wenig mit der Sicherheit Israels zu tun, sie
erzeugt im
Gegenteil eine größere Gewaltbereitschaft. Bereits
heute sind die Palästinenser
wirtschaftlich völlig isoliert.
Würden Sie den
Konflikt zwischen Israelis und
Palästinensern also als sozialen Konflikt bezeichnen?
Nein. Soziale Unterschiede und religiöse Auseinandersetzungen
sind vielmehr die
Folge eines nationalen Konfliktes. In dem seit 120 Jahren andauernden
Streit
zwischen Juden und Arabern geht es ursprünglich um Land. Wenn
in den
Palästinensergebieten anstelle von Muslimen Buddhisten lebten,
wären die
Probleme um keinen Deut geringer. Benjamin Netanyahu,
Präsidentschaftskandidat
des Likud-Blocks, forderte von den Europäern vor wenigen
Tagen, man solle die
Hamas genauso behandeln wie Al Qaida.
Was
sagen Sie dazu?
Das sind doch alles Parolen, die ausgenützt werden, um
amerikanische und europäische
Komplexe zu befriedigen. Und einseitige Berichte über die
israelische Politik
zu fördern. Was uns am meisten fehlt, ist eine objektive
Berichterstattung in
der Presse.
Können
Sie genauer
beschreiben, was sie unter
objektivem Journalismus verstehen?
Lesen Sie doch einmal die Berichte über Selbstmordattentate in
den Zeitungen!
Die amerikanischen, europäischen und israelischen Medien
berichten meist nicht
darüber, wenn vor einem solchen Selbstmordattentat
Palästinenser im
Westjordanland von der israelischen Armee gezielt umgebracht wurden.
Man bringt
die politischen Beziehungen und Motivationen nicht in Zusammenhang.
Dass Israel
eine Besatzungsmacht ist und die Palästinenser Widerstand
leisten, wird so
nicht dargestellt. Am schlimmsten von allen ist übrigens die
deutsche Presse.
Würden Sie sich
denn auch aus Deutschland mehr
Kritik an Israel wünschen? Trotz der historischen Schuld, die
den Deutschen
aufgrund des Holocaust obliegt?
Die unreflektierte Einstellung der Deutschen im Nahost-Konflikt ist
nicht nur
unmoralisch, sondern auch feige. Die Bundesrepublik ist doch auch sonst
so
kritisch gegenüber der Missachtung von Menschenrechten in
allen Teilen der
Welt. Warum ausgerechnet nicht in Israel? Etwa weil wir Juden sind? Ich
wehre
mich gegen jede Sonderbehandlung, selbst wenn es historische
Gründe gibt. Wir
Juden wollen nicht anders sein als alle anderen, weder zum Guten, noch
zum
Schlechten – das ist auch einer der Beweggründe des
Zionismus. Jede
gegenteilige Idee ist nicht nur ungesund, sondern auch unhygienisch.
Philosemitismus, die uneingeschränkte Bevorteilung des
Judentums, ist nichts
weiter als umgedrehter Rassismus.
Können
Sie das genauer
erklären?
In diesem Zusammenhang erzähle ich Ihnen gerne einen Witz.
Während einer
politischen Kundgebung in den Vereinigten Staaten kommt es zu
Übergriffen, die
Polizei schlägt auf kommunistische Demonstranten ein.
Plötzlich ruft einer von
ihnen: »Schlagt mich nicht, ich bin ein
Antikommunist!« Da antwortet der
Polizist: »Ist mir doch gleich, was für ein
Kommunist du bist.«
Das Verhältnis
zwischen Deutschen und Juden
kann sich aber gerade einmal 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs
kaum
völlig normalisiert haben. Glauben Sie nicht, dass
dafür mehr Zeit verstreichen
muss?
Wie lange soll es denn dauern bis zur Normalisierung? Glauben Sie mir,
an die
Verbrechen des Holocaust wird man sich auch in 1000 Jahren noch
erinnern. Mit
der Besetzung des Westjordanlandes durch Israel hat der Holocaust
dagegen gar
nichts zu tun.
Trotzdem gerät eine Kritik an israelischer Politik in
Deutschland schnell in
den Generalverdacht, antisemitisch motiviert zu sein. Das liegt daran,
dass der
Begriff Antisemitismus meist falsch verwendet wird. Man muss lernen,
zwischen
Antisemitismus, Antizionismus und dem Widerstand gegen die israelische
Politik
zu unterscheiden. Obwohl in Deutschland alle drei Begriffe wild
vermischt
werden, können sie unabhängig voneinander bestehen.
Ein Antizionist muss kein
Antisemit sein. Und Widerstand gegen die israelische Politik ist nicht
automatisch
mit Antisemitismus gleichzusetzen.
Wie können
Journalisten und Politiker dem
Vorwurf des Antisemitismus entgehen, wenn Sie sich der israelischen
Politik
kritisch gegenüberstellen wollen?
Sie müssen in ihrer Kritik deutlich machen, dass sie nicht
gegen die Existenz
Israels sind, sondern lediglich das Interesse von
Palästinensern und Israelis
gleichermaßen berücksichtigen wollen. Das muss
vollkommen klar sein.
Die unkritische Haltung
der Deutschen
gegenüber israelischer Politik nannten Sie
»unmoralisch und feige«. Wieso
feige?
Weil sich die Deutschen aufgrund ihrer Geschichte zur
Untätigkeit bequemen.
Dabei wächst ihre Verantwortung mit zunehmender Freiheit.
Weder in Deutschland
noch in den USA gibt es eine Diktatur. Niemand muss fürchten,
wegen seiner
politischen Stellungnahme in ein Konzentrationslager zu kommen. Die
Bereitschaft zur Kritik müsste weitaus
größer sein als zum Beispiel im Dritten
Reich.
Kommen wir vom
israelisch-palästinensischen
Konflikt im Nahen Osten zum globalen Konflikt zwischen der westlichen
Welt und
dem Islam. Sehen Sie Parallelen zwischen beiden Konflikten?
Zunächst einmal gibt es keinen Konflikt zwischen der
westlichen Welt und dem
Islam als Religion. Der Westen führt einen Krieg nach
kolonialen Interessen mit
wirtschaftlich strategischen Zielen. Der Islam wird als Vorwand
für den
Konflikt verwendet.
Wenn man die geschlossene
Reaktion der
muslimischen Welt auf die dänischen Mohammed-Karikaturen
betrachtet, könnte man
anderer Meinung sein.
Allein der Begriff der »muslimischen Welt« ist ein
westlicher
Propagandabegriff. Was vereint die Völker von Marokko und
Indonesien
tatsächlich? Wenn man ehrlich ist, sind die Gemeinsamkeiten
sehr gering. In
Wirklichkeit stehen wir vor einem Weltkonflikt zwischen den reichen
Industrienationen
und den armen Völkern. Hieraus können Sie die erste
moralische Pflicht im
Umgang mit heutigen Medienberichten ableiten: Hinterfrage die Begriffe!
Erst
dann erkennst du, was hinter Bezeichnungen wie »westliche
Welt« und »islamische
Welt« wirklich steht – ein amerikanisches Weltreich
mit europäischen Vasallen.
Wie
sieht Ihre Zukunftsprognose
für den
Weltkonflikt aus?
Momentan werden 99 Prozent der globalen Ressourcen einem kleinen Teil
der Welt
vorbehalten. Das kann auf Dauer nicht halten. Dieses Ungleichgewicht
muss im
Laufe des Jahrhunderts beseitigt, die Kluft zwischen den
Völkern vermindert
werden. Erreicht werden kann dies nur durch eine starke Weltregierung
oder eine
vergleichbare Organisation, die in der Lage ist, global
gültige Gesetze
aufzuzwingen. Denn ein Gesetz ist nur dann stark, wenn es von einer
starken
Exekutive durchgesetzt wird.
Und
Ihre Prognose für
den Konflikt zwischen
Israel und Palästinensern?
Da bin ich zuversichtlicher. Es gibt in der israelischen
Bevölkerung eine
unterirdische Entwicklung zum Frieden. Als Resultat daraus wandeln sich
auch
die Parteien sachte, sie entwickeln eine größere
Verhandlungsbereitschaft.
Trotz
des Wahlerfolges der
extremistischen
Hamas?
Die Wahl der Hamas sehe ich als Teil dieser Entwicklung. Wenn die Hamas
regiert, muss sie die Anerkennung Israels akzeptieren. Ein
Friedensschluss mit
der Hamas bedeutet Frieden für Israel.
Uri Avnery ist der Gründer der Friedensbewegung "Gush Schalom"
Aufruf an
Europa
11.4.2006
Wir, israelische Patrioten, die wir
uns Sorgen über die Zukunft unseres Staates machen,
rufen Sie, die Führer der
Europäischen Union hiermit auf :
Beenden Sie die Blockade der palästinensischen
Regierung!
Bringen Sie nicht ein ganzes Volk in Hungersnot,
um seine gewählte Regierung zu stürzen!
Vor nur drei Monaten
überwachten europäische Monitoren die
palästinensischen Wahlen.
Sie bestätigten, dass
Palästina die erste Demokratie in der arabischen Welt ist (
nachdem sie die 2. demokratischen Wahlen abgehalten hatten. Die 1. Wahl
wurde von der Fatah gewonnen).
Dieses Mal wurde ein Parlament mit
einer Hamas-Mehrheit gewählt: Nun erteilen Sie den
Palästinensern eine Lektion in Demokratie:
Sie sagen ihnen, wenn sie die eben von ihnen
gewählte Regierung nicht stürzen, dann gibt es
für ihre Kinder keine Milch, für
die Kranken keine Medizin, für die Arbeitslosen keine Arbeit,
für Ärzte und
Lehrer kein Gehalt.
Sie erfüllen so die
zynische Verordnung des Beraters unseres Ministerpräsidenten:
„Sie sollen abnehmen, aber nicht Hungers sterben.“
Dies ist nicht nur eine barbarische
Politik, es ist auch ein schrecklicher Fehler: kein Volk in der Welt
würde sich einem solch brutalen und demütigendem
Druck von außen unterwerfen.
Die unvermeidliche Folge wird eine
weitere Radikalisierung der palästinensischen Meinung sein und
ein noch größerer Hass gegen Israel und die ganze
arabische und muslimische Welt.
Das wird die Aussichten auf Frieden
noch weiter in die Ferne schieben, ein Frieden, den wir alle brauchen,
wie die Luft zum Atmen. Es wird zu einem weiteren Blutbad
führen, das das Leben von Tausenden, Israelis,
Palästinensern, Europäern und Amerikanern
kosten wird.
Reden Sie mit der palästinensischen Regierung!
Beginnen Sie einen Dialog mit der
Hamas!
Gewiss müssen sie das
Existenzrecht Israels anerkennen – genau wie Israel das
Existenzrecht eines Staates Palästina anerkennen muss. Aber
solch eine Anerkennung wird mit den
Verhandlungen kommen – und nicht umgekehrt.
Gewiss müssen sie mit der
Gewalt aufhören – genau wie es Israel tun muss. Aber
selbst in diesem Stadium kann ein verlängerter
Waffenstillstand erreicht werden.
Gewiss müssen sie die
Zwei-Staaten-Lösung akzeptieren – genau so auch
Israel. Ihre Führer haben schon angedeutet, dass sie
dafür bereit sind – und dies muss durch
Verhandlungen auf die Probe gestellt werden.
Wir
rufen Sie auf, Führer von Europa:
Es ist im Interesse Europas, wie es
im Interesse Israels und Palästinas ist, um Frieden zu
erreichen. Geben Sie nicht dem Druck von
Interessen Außenstehender nach, deren Politik hat schon
mehrfach zu Katastrophen im Nahen Osten geführt.
Um unser aller Willen: folgen Sie
einer unabhängigen Linie, die von Weisheit und Moral geleitet
wird.
Gush Shalom, der israelische
Friedensblock,
www.gush-shalom.org,
info@gush-shalom.org
Ein guter Freund
Hans-Jürgen Wischnewski war ein erfolgreicher Krisenmanager, weil er die Menschen verstand und auf sie einging. Ein Nachruf
Auf diesen Mann konnte man sich in jeder Lebenslage verlassen. Hans-Jürgen Wischnewski, 1922 in Ostpreußen geboren, in Berlin zur Schule gegangen, 1945 als Oberleutnant der Reserve aus der Kriegskatastrophe heimgekehrt, war unter dem Einfluss Kurt Schumachers alsbald Sozialdemokrat und Gewerkschafter geworden. 1957 wurde er zum ersten Mal in den Bundestag gewählt, in dem er länger als drei Jahrzehnte seine Kölner Mitbürger vertreten hat. Er ist immer derselbe geblieben: immer urteilssicher, immer solide, stets zielbewusst und zugleich ein Praktiker, nie ein Ideologe.
Er besaß einen untrüglichen politischen Instinkt. Zugleich war er aber ein Meister im Umgang mit Menschen. Deshalb war er im Parlament angesehen, er hatte politische Gegner, aber keine Feinde. Nicht zuletzt dank seiner stupenden Fähigkeit, tragfähige Kompromisse zu finden, hat er auch im Ausland vielfältig schwierige Konflikte lösen können. Journalisten haben ihn einen Troubleshooter genannt, denn er war ein immer wieder erfolgreicher Krisenmanager, weil er die Motive und Interessen der anderen Seite verstand und auf sie einging.
Mit Recht trägt sein Erinnerungsbuch den vom Verlag formulierten Titel Mit Leidenschaft und Augenmaß. Dabei hat er seine Leidenschaft fast ausnahmslos gezügelt, sein Augenmaß hingegen hat mich oft verblüfft. Wenn er mir bisweilen gesagt hat »Das kannst du so nicht machen«, dann hatte er immer Recht. Ich habe während fast eines halben Jahrhunderts viele Ratschläge von ihm erhalten, und nahezu alle habe ich befolgt.
Viele haben ihn »Ben Wisch« genannt, weil er in der arabischen Welt viele Freunde hatte. Für sie besaß er ein ganz ungewöhnliches Einfühlungsvermögen – und ein weitreichendes Verständnis für den Islam. Wenige Tage nach dem Kolossalverbrechen der al-Qaida in New York und Washington hat er öffentlich jedermann vor dem »gefährlichen Irrtum« gewarnt, die islamistischen Extremisten und die »friedfertige islamische Religion« miteinander zu verwechseln. Seit vier Jahrzehnten hat er sachkundig und tatkräftig bis in sein letztes Lebensjahr, sogar noch im Rollstuhl allen aufeinander folgenden Bundesregierungen in dem Bemühen geholfen, ein gutes und friedliches Verhältnis zu den vielen islamisch geprägten Staaten zu bewahren. Er ist dabei, auch für sich selbst, erhebliche Risiken eingegangen.
Und dies keineswegs lediglich in Mogadischu. Wenn uns dort 1977 nach der Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut die Befreiung der vielen deutschen Geiseln nicht geglückt wäre, wenn wir stattdessen viele Tote in die Heimat hätten zurückbringen müssen, so wären wir beide anschließend von unseren Ämtern zurückgetreten. Weil Wischnewski keinerlei Antiislamismus eine Chance bieten wollte, haben wir vermieden, die Unterstützung der deutschen RAF durch islamistische Terroristen an die große Glocke zu hängen. Er wusste schon damals: Feindschaft gegenüber dem Islam wäre eine für alle gefährliche Torheit.
Für den hoch engagierten Sozialdemokraten Wischnewski stand im Zweifel das Wohl unseres Vaterlandes immer über dem Wohl unserer Partei. Zweifel müsse es oft geben, »…aber man muss damit fertig werden«, so hat er gesagt. In den für das öffentliche Wohl entscheidend wichtigen Dingen haben die Politiker aller Parteien zusammenzustehen. Deshalb konnte Wischnewski, als er 1982 am letzten Regierungstag der sozialliberalen Koalition vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Bundesrepublik zu vertreten hatte, am Schluss seiner Rede den Vertretern der anderen Nationen mit Überzeugung sagen: Unsere Außenpolitik bleibt Friedenspolitik, die Kontinuität stützt sich auf die Lehren, die wir aus unserer Geschichte gezogen haben, sie steht nicht zur Disposition. Die am nächsten Tag nachfolgende Regierung unter Helmut Kohl hat dem entsprochen.
Letzte Woche haben wir Deutschen einen Staatsmann verloren – und ich habe einen guten Freund verloren.
„Mit uns trauern viele, in Deutschland und in der Welt”, erklärte der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering. Noch Ende vergangenen Jahres hatte Wischnewski an der Beerdigung seines alten politischen Weggefährten, des palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat in Ramallah teilgenommen. Er war vor allem als Krisenmanager im „Deutschen Herbst” bekannt geworden, sein spektakulärster Coup war die Befreiung der Geiseln der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut” in Mogadischu im Oktober 1977.
Beliebt
und anerkannt
Müntefering
bezeichnete
Wischnewski als außergewöhnlichen Politiker.
„Seine
menschliche Art und seine politischen Fähigkeiten haben ihn
über Parteigrenzen und über Ländergrenzen
hinaus zu
einem der beliebtesten und anerkanntesten Politiker der vergangenen
Jahrzehnte gemacht.” Bis in die jüngste Zeit habe er
engagiert
für die sozialdemokratische Idee gearbeitet, sowohl in
Köln
und Berlin als auch international. „Seine besondere
Leidenschaft galt
dem Frieden im Nahen Osten”, sagte Müntefering.
Es war ein dramatisches Ereignis, daß Hans-Jürgen Wischnewski unvergessen weltweit in den Brennpunkt gerückt hat: Die Flugzeugentführung von Mogadischu im Herbst 1977. Bei der gewaltsamen Befreiung von 86 Geiseln aus der Lufthansamaschine „Landshut” im fernen Somalia spielte der nervenstarke SPD-Politiker hinter den Kulissen die Schlüsselrolle. Im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim setzten führende Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) auf das Palästinenser-Kommando. „Eines war klar: Wir wollten niemals die Terroristen in Stammheim freilassen”, sagte Wischnewski im Rückblick. Noch mehr als ein Vierteljahrhundert später bewegten die Vorgänge den „Helden von Mogadischu”: „Ja, Angst habe ich gehabt - um die Menschen in der Maschine, aber nicht um mich.”
Wischnewski handelte damals als Staatsminister im Kanzleramt im Auftrag von Kanzler Helmut Schmidt (SPD), dessen Amt bei der gewagten Gewaltaktion mit der GSG 9 auf dem Spiel stand. „Ich hatte mich auch selbst im Austausch für die Geiseln angeboten.” Kurz nach der Geisel-Befreiung aus der Boeing übermittelte er Schmidt die erlösende Nachricht am Telefon: „Die Arbeit ist erledigt.”
„Ben
Wisch”: Gute Kontakte in
die arabische Welt
Selbstdarstellung
war
Wischnewski immer fremd. Das schätzten seine Parteifreunde. Er
war
der unerschrockene Mann für heikle Missionen, der auch
schwierigste Situationen meisterte. Das trug ihm auch Namen ein wie
„Bonner 007” oder „Feuerwehrmann der
Nation”. Neben seinem
diplomatischen Geschick und politischem Gespür konnte er dabei
auf
seine zahllosen Kontakte bauen
Den Spitznamen „Ben Wisch”, den ihm einst Kanzler und SPD-Chef Willy Brandt gegeben hatte, trug er mit Stolz. Er hatte ihn seinen guten Drähten zur arabischen Welt zu verdanken, die er schon als Jungsozialist Ende der fünfziger Jahre gepflegt hatte. Damals verwaltete er von seiner Kölner Heimat aus während des algerischen Unabhängigkeitskrieges gegen Frankreich die „Kriegskasse” der Befreiungsbewegung FLN.
Führend
im „Seeheimer
Kreis”
Geboren wurde
Wischnewski am 24.
Juli 1922 als Sohn eines Zollbeamten aus dem Ruhrgebiet im
ostpreußischen Allenstein. Nach dem Krieg war er kurz
Metallarbeiter und 1946 Gewerkschaftssekretär der IG Metall in
Köln. Im selben Jahr trat er in die SPD ein. Er war unter
anderem
Bundesgeschäftsführer, Schatzmeister und
stellvertretender
SPD-Vorsitzender. In der SPD war Wischnewski führend im eher
rechts eingeordneten „Seeheimer Kreis”. Im Streit
um das Parteiblatt
„Vorwärts” trat er 1985 als
SPD-Schatzmeister („Ben-Scheck”)
zurück. Dem Bundestag gehörte er mehr als 30 Jahre
lang an.
Auch noch nach seiner Zeit als Staatsminister im Kanzleramt (1976 bis 1982) reiste Wischnewski zu Krisenherden vor allem in den Nahen Osten. 1986 trug er maßgeblich zur Freilassung von mehreren Deutschen bei, die von Regierungsgegnern in Nicaragua entführt worden waren. Ein Jahr zuvor hatte er erfolgreich mit den Kidnappern der Tochter des Staatspräsidenten von El Salvador verhandelt. Einen Deutschen befreite er später aus den Fängen des irakischen Diktators Saddam Hussein.
Gaddafi
warnte: „Rauchen ist
ungesund”
Wischnewski
galt als treuer
Gefolgsmann Helmut Schmidts. 1982 gehörte er zu den 14
Genossen um
Schmidt, die für die Umsetzung des Nato-Doppelbeschlusses und
damit die Stationierung neuer amerikanischer Atomraketen in Deutschland
stimmte. „Er hatte einen guten Instinkt, war politisch und
menschlich
zuverlässig und hat mir immer seine Meinung gesagt”,
sagte Schmidt
beim 80. Geburtstag seines Weggefährten.
Der Vollblutpolitiker alter Schule und Vater dreier Kinder war noch bis ins hohe Alter rege. Selbst für die geliebte Briefmarkensammlung blieb da wenig Zeit. Trotz gesundheitlicher Probleme tauchte der „Kölsche Jung”, umjubelt von den Genossen, immer wieder bei SPD-Veranstaltungen auf und meldete sich auch öffentlich zu Wort. Libyens Revolutionsführer Muammar el Gaddafi warnte den Raucher vor einem Jahr bei einem Besuch in Tripolis: „Natürlich können Sie in meinem Zelt rauchen. Aber ich muß Sie darauf aufmerksam machen: Rauchen ist ungesund.”
Wir Palästinenser
haben
einen
großen Freund verloren
Zum Abschied
von
Hans-Jürgen Wischnewski
Nachruf in der FAZ vom
25. Februar 2005
Wir Palästinenser haben einen
großen Freund
verloren. In
tiefer Trauer verneigen wir uns vor einem treuen Freund und Begleiter,
der sich wie kaum ein anderer um die palästinensische Sache,
das
Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes und den
Friedensprozess im Nahen Osten verdient gemacht hat.
Viele Palästinenser haben ihm persönlich viel zu
danken: Es
war Hans-Jürgen Wischnewski der dafür sorgte, dass
Palästinenser Stipendien bekamen und in Deutschland ihre
Ausbildung fortsetzen konnten. Er war stets an unserer Seite auch zu
einer Zeit, als niemand Kontakt mit uns halten wollte. Ihm ist es zu
danken, dass die palästinensische Stimme hier in Deutschland
in
den Medien Gehör fand. Er hat uns den Weg in die deutsche
Politik
und die deutsche Gesellschaft geebnet.
Er war für uns Palästinenser immer ein guter
Ratgeber.
Unermüdlich setzte er sich für ein Zusammenwirken
zwischen
Deutschen und Palästinensern ein: Als Gründervater
der
Städtepartnerschaft zwischen Köln und Bethlehem hat
er sich
große Verdienste erworben. Die fruchtbare Partnerschaft
zwischen
beiden Städten wäre ohne sein unermüdliches
Wirken nicht
zustande gekommen. Zu Ehren seiner Verdienste wurde auf Veranlassung
Präsident Arafats, dem Hans-Jürgen Wischnewski
zeitlebens in
Freundschaft verbunden war, eine Briefmarke gedruckt. Beide Politiker
verband eine tiefe Freundschaft. Trotz überstandener, schwerer
Krankheit, ließ er es sich denn auch nicht nehmen seinem
Freund
die letzte Ehre zu erweisen: Er scheute keine Mühe und nahm im
vergangenen November als Vertreter Deutschlands an den
Trauerfeierlichkeiten für Yasser Arafat teil.
Seine Zuneigung und sein Engagement für die arabische Welt
reichen
weit zurück: Bereits als Vorsitzender der Jungsozialisten
sammelte
er erste Erfahrungen mit der arabischen Welt: Damals
unterstützte
er die Befreiungsbewegung in Algerien. "Ben Wisch", so wurde er
liebevoll nicht nur von seinen arabischen Freunden genannt, wurde immer
mehr zu einem herausragenden Kenner der arabischen Welt. Politik, seine
große Leidenschaft, betrieb er nicht um ihrer selbst Willen.
Er
war ein Freund der Menschen, der Politik machte, weil er die
Lebensumstände der Menschen ändern wollte.
Überall, wo
er tätig war, im Nahen Osten oder auch in Mittelamerika, hat
er
mitgeholfen, mehr Freiheit und Demokratie, mehr Solidarität
und
Gerechtigkeit zu verwirklichen.
Wir Palästinenser verlieren in Hans-Jürgen
Wischnewski einen
Freund und einen Vertrauten, der eine große Lücke
hinterlässt. Er hat den Friedensprozess im Nahen Osten
geprägt wie kein anderer. Er wird unvergessen bleiben.
Ich persönlich trauere um einen engen Freund und Weggefährten, der mir auf einem oft schwierigen politischen Weg ein guter, verlässlicher Ratgeber war. Sein Rat, seine Freundschaft, seine Herzlichkeit werden mir fehlen.
Abdallah
Frangi
Generaldelegierter
Palästinas in
Deutschland
Gaza, 25. Februar 2005
Nachruf
"Vergiss Palästina nicht!"
Der
israelische
Publizist Uri Avnery zum Tod von Jassir Arafat
Mose führte sein Volk aus dem Lande der Knechtschaft, zog mit
ihm
40
Jahre durch die Wüste und brachte es bis an die Schwelle des
verheißenen
Landes, aber das sah er nur aus der Ferne. "Du sollst das Land vor dir
sehen,
aber du sollst nicht hineinkommen", bestimmte Gott (5. Mose Kapitel 32,
Vers
52).
"So starb Mose, der Knecht des Herrn ... Und niemand hat sein Grab
erfahren
bis auf den heutigen Tag ... Seine Augen waren nicht schwach geworden,
und
seine Kraft war nicht verfallen."
Jassir Arafat hat sein Volk symbolisch aus den Ländern der
Knechtschaft
geführt, 40 Jahre lang seinen Kampf geleitet und es bis an die
Schwelle
der Befreiung gebracht. Er hat die Vision des
palästinensischen
Staates
gesehen, aber ihn nicht mehr selbst erleben können.
Für einen
Israeli
ist die Ähnlichkeit frappant.
Als ich Arafat einen Monat vor seinem plötzlichen
Zusammenbruch
traf,
war er noch im vollen Besitz seiner physischen und geistigen
Kräfte.
Er war nicht 120 Jahre alt wie Mose, aber auch 75 Jahre waren ein
langes
Leben angesichts der unglaublichen Strapazen und Gefahren, die er
durchgemacht
hat.
Zwar ist sein Grab bekannt - die ganze Welt hat ja zugesehen, wie rund
100
000 Palästinenser sich auf seinen Sarg stürzten, nur
um ihn
zu
berühren. Aber für Arafat war auch Ramallah die
Fremde, denn
er
sehnte sich nach seinem geliebten Jerusalem, und dort wollte er
begraben
werden. Sein jahrzehntelanger Widersacher Ariel Scharon verbot es.
Jassir
Arafat war eine der großen internationalen Figuren der
vergangenen
Jahrzehnte. Als er Ende der fünfziger Jahre auf der
weltpolitischen
Bühne auftauchte, war sein Volk nahe daran, in Vergessenheit
zu
versinken.
Der Name Palästina war von der Landkarte gelöscht
worden.
Israel,
Jordanien und Ägypten hatten das Land unter sich aufgeteilt.
Die
Welt
hatte sich entschieden, dass es keine palästinensische
nationale
Entität
gab, dass das palästinensische Volk zu existieren
aufgehört
hatte.
Innerhalb der arabischen Welt wurde die "palästinensische
Sache"
noch
erwähnt, aber sie diente nur als Ball, der zwischen arabischen
Königen
und Präsidenten hin und her gestoßen wurde. Jeder
versuchte,
sie
für seine eigenen Zwecke zu benutzen, gleichzeitig aber jede
unabhängige
palästinensische Initiative brutal zu unterdrücken.
Mohammed
Abd
al-Rauf Arafat al-Kudwa (den Spitznamen Jassir - etwa "Der, dem alles
leicht
gemacht wird" - bekam er erst später) verkörperte
sein Leben
lang
das palästinensische Schicksal. Er wurde in der Fremde
geboren.
Zwei
Jahre vorher war sein Vater, ein Gemüse- und
Gewürzhändler,
aus dem Gaza-Streifen nach Kairo gekommen, um einen endlosen Prozess um
das
Erbe seiner ägyptischen Mutter zu führen.
Arafats Mutter Sahwa, die aus der Jerusalemer Aristokratie stammte,
starb,
als der Junge vier Jahre alt war. Damit begann Arafats lebenslange
Wanderschaft.
Als sechstes von sieben Kindern seines Vaters kam er mit den
Stiefmüttern
nicht aus. Er war rebellisch, dominierend und aktiv. So wurde er nach
Jerusalem
zur Familie der Mutter geschickt. Es ist nicht ganz klar, wo sich
Arafat
im Palästina-Krieg von 1948 befand. Einer Version zufolge war
er
bei
der Truppe des legendären Abd al-Kadir al-Husseini, eines
entfernten
Verwandten seiner Familie. Einer anderen Version nach hielt er sich in
der
Nähe al- Alameins auf, um bei den Beduinen für die
Palästinenser
deutsche Waffen zu kaufen, die seit der großen Schlacht in
der
Wüste
herumlagen.
Nach dem Krieg studierte er Ingenieurwissenschaften in Kairo. Aber mehr
als
in Mathematik zeichnete er sich in der stürmischen
Studentenpolitik
aus. Seine politische Laufbahn begann dort.
Eine seiner frühen Taten war, eine mit Blut geschriebene
Petition
an
den damaligen ägyptischen Ministerpräsidenten General
Mohammed
Nagib mit der kurzen Mahnung zu schicken: "Vergessen Sie
Palästina
nicht!"
Diese dramatische Aktion brachte ihm am 13. Januar 1953 die erste
Meldung
in einer Zeitung ein. "Al-Ahram" berichtete in einigen Zeilen auf Seite
8.
Allerdings war Arafats Name falsch geschrieben: "Farhat".
Nach Beendigung seines Studiums zog Arafat nach Kuweit, wo er mit
einigen
Kameraden die "Palästinensische Befreiungsbewegung"
gründete,
deren
Initialen rückwärts gelesen FATAH ergaben. Damit
begann die
erste
der vier Revolutionen, die Arafat in seinem Leben in die Wege leitete.
Befreiung von wem? Offiziell von Israel, aber zunächst ging es
darum,
die "palästinensische Sache" von der Vormundschaft der
arabischen
Regime
zu befreien und dem palästinensischen Volk wieder zu einer
eigenen
nationalen
Identität zu verhelfen.
Es war gefährlich. Die Fatah hatte keine unabhängige
Basis.
Sie
musste in den arabischen Ländern agieren, wo sie oft gnadenlos
verfolgt
wurde. Die arabischen Führer dachten gar nicht dar-an, eine
unabhängige
palästinensische Bewegung zu dulden. Eines Tages wurden Arafat
und
die
ganze Fatah-Führung vom damaligen syrischen Diktator ins
Gefängnis
geworfen.
Jene Jahre prägten Arafats Stil. Wie Leila Schahid, selbst ein
Sprössling
der Husseini-Familie, die in Arafats letzten Tagen als Sprecherin in
Paris
auftrat, mir einmal erklärte: "Er musste zwischen den
arabischen
Diktatoren
manövrieren, spielte sie gegeneinander aus, benutzte Tricks,
Halbwahrheiten,
doppeldeutiges Gerede, wich Fallen aus und umging Hindernisse. Er wurde
Weltmeister
der Manipulation. Auf diese Weise rettete er in der Zeit ihrer
Schwäche
die Befreiungsbewegung vor vielen Gefahren, bis sie zu einer eigenen
Kraft
werden konnte."
Gamal Abd al-Nasser, der ägyptische Präsident, damals
das
Idol
der ganzen arabischen Welt, war über die aufkommende
unabhängige
Bewegung beunruhigt. Um sie abzuwürgen, schuf er die
Palästinensische
Befreiungsorganisation (PLO) und setzte Ahmed Schukeiri, einen
palästinensischen
politischen Söldner, an ihre Spitze. Aber nach der Niederlage
der
arabischen
Armeen 1967 und dem begeisternden Sieg der Fatah-Kämpfer gegen
die
israelische
Armee in der Schlacht von Karama (März 1968) übernahm
die
Fatah
die PLO, und Arafat wurde der unbestrittene Anführer des
palästinensischen
Kampfes.
Anfang Januar 1965 begann Jassir Arafat mit seiner zweiten Revolution:
dem
"bewaffneten Kampf" gegen Israel. Die Anmaßung war fast
absurd:
eine
Hand voll schlecht bewaffneter und nicht besonders wirksamer Guerillas
gegen
die mächtige israelische Armee - und nicht in einem Land mit
undurchdringlichem
Dschungel, sondern in einem schmalen, dicht bevölkerten
Landstrich.
Es muss offen eingestanden werden: Ohne die mörderischen
Angriffe
hätte
die Welt dem palästinensischen Ruf nach Freiheit keine
Aufmerksamkeit
geschenkt. Keine einzige moderne Befreiungsbewegung hat je ihr Ziel
ohne
"Terrorismus" erreicht.
Als Folge davon wurde die PLO als "einzige Vertretung des
palästinensischen
Volkes" anerkannt, und 1974 wurde Jassir Arafat eingeladen, seine
historische
Rede vor der Uno-Vollversammlung zu halten: "Heute kam ich hierher, in
der
einen Hand den Ölzweig und in der anderen Hand das Gewehr des
Freiheitskämpfers.
Lasst den grünen Zweig nicht aus meiner Hand fallen!"
Für Arafat war klar, dass der "bewaffnete Kampf" dem
palästinensischen
Volk Selbstvertrauen geben konnte, aber Israel so nicht zu besiegen
war.
Seither galt er in Israel als Erzterrorist.
Der Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 veranlasste Arafat zu einer neuen
Kehrtwende
in seiner Zielsetzung. Er sah, wie die Armeen Ägyptens und
Syriens
nach
einem glänzenden Überraschungssieg am Ende von der
israelischen
Armee geschlagen wurden.
Deshalb fing Arafat unmittelbar nach diesem Krieg seine dritte
Revolution
an: Er entschied, die PLO müsse mit Israel ein Abkommen
erreichen
und
sich mit einem palästinensischen Staat im Westjordanland und
im
Gaza-Streifen
zufrieden geben.
Nun war er mit einer historischen Herausforderung konfrontiert. Er
musste
seine Landsleute davon überzeugen, die Legitimität
des
Staates
Israel nicht länger zu leugnen und sich mit nur 22 Prozent des
Palästina-Gebietes
von vor 1948 zufrieden zu geben.
Daran begann er auf seine ihm eigene Weise zu arbeiten: mit
Hartnäckigkeit,
Ausdauer und Geduld - zwei Schritte vorwärts, einen
zurück.
Historische
Gerechtigkeit verlangt klarzustellen, dass Arafat das Oslo-Abkommen als
Vision
zu einer Zeit vor Augen hatte, als Jizchak Rabin und Schimon Peres noch
hoffnungslos
an der "jordanischen Option" festhielten, wonach das Westjordanland an
König
Hussein zurückgegeben werden sollte. Von den drei
Preisträgern
hat Arafat den Friedensnobelpreis am meisten verdient.
Seit 1974 war ich Zeuge der enormen Bemühungen, mit denen
Arafat
sein
Volk dahin zu bringen versuchte, diese neuen Wege mitzugehen.
Am 9. September 1993 wurde Geschichte geschrieben: Der Staat Israel und
die
palästinensische Befreiungsorganisation erkannten sich
gegenseitig
an.
Danach sprach das Oslo-Abkommen einen kleinen Teil des Landes einer
"palästinensischen
Behörde" zu. Für Arafat war das Endziel klar: ein
souveräner
Staat Palästina, mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt, die
Wiederherstellung
der Grenzen von 1967 mit der Möglichkeit von Landaustausch,
Evakuierung
aller israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet und
die
Lösung
des Flüchtlingsproblems in Abstimmung mit Israel. Mehr konnte
Arafat
nicht aufgeben, nachdem er in Oslo auf 78 Prozent des ehemaligen Landes
Palästina
verzichtet hatte.
Der triumphale Einzug Arafats in Gaza 1994 war der Beginn seiner
vierten
Revolution: Endlich war er Chef eines palästinensischen
Staatswesens
auf palästinensischem Gebiet. Zwar ein Mini-Staat auf nur
einem
Teil
der besetzten Gebiete, noch vollkommen von Israel abhängig,
aber
doch
ein Symbol der palästinensischen Identität.
Palästina
war
wieder auf der Landkarte.
Arafat wurde vorgeworfen, dass der alte Revolutionär als
Staatschef
versagt habe, dass die Behörde undemokratisch, korrupt and
chaotisch
sei. Aber diese Vorwürfe zogen nicht in Betracht, in welcher
einzigartigen
Lage die Palästinenser sich befanden.
Wenn eine Befreiungsbewegung siegt, übernimmt sie
gewöhnlich
einen
bestehenden Staat. Aber als Arafat den palästinensischen
Mini-Staat
aufbauen musste, war der Befreiungskampf noch lange nicht zu Ende. Die
israelischen
Siedlungen auf palästinensischem Boden wurden
unaufhörlich
erweitert.
Arafat stand vor einer unlösbaren Aufgabe: Als Chef der PLO
brauchte
er Mittel, die das Gegenteil dessen waren, was man von ihm als
Präsident
des Quasi-Staates erwartete. In einer kämpfenden Bewegung kann
es
Demokratie
und transparente Finanzen kaum geben, von einem Staat verlangt man sie.
Im Gegensatz zu Fidel Castro oder Nelson Mandela übernahm
Arafat
kein
funktionierendes Staatswesen, sondern nur unzusammenhängende,
verarmte
Teile des Landes, dessen Infrastruktur durch jahrzehntelange Besatzung
systematisch
zerstört worden war.
Die eine Hälfte des palästinensischen Volkes besteht
aus in
aller
Welt verstreuten Flüchtlingen, die andere Hälfte ist
in viele
Fraktionen
zerrissen. In der palästinensischen Gesellschaft spielen die
Großfamilien
("Humula") eine gewaltige Rolle und sind im ständigen
Wettstreit;
Säkulare
kämpfen gegen religiöse Fundamentalisten; die alten
Veteranen,
die mit Arafat aus Tunis zurückgekehrt waren, konkurrieren mit
den
jungen
Kämpfern, die in israelischen Gefängnissen
während der
ersten
Intifada aufgewachsen sind. Arafats Genie bestand darin, dass er
jahrzehntelang
dieses zerrissene Volk zusammengehalten hat.
Sein Begräbnis zeigte, wie stark sein Volk mit ihm verbunden
war.
100
000 kamen, obwohl Ramallah von der israelischen Armee abgeriegelt war.
Es
kam zu einem unglaublichen Gefühlsausbruch. Dieser Mensch, den
Israel
jahrzehntelang dämonisiert hat, der von vielen in den
Weltmedien
als
korrupter Diktator und Erzterrorist dargestellt wurde, ist für
sein
Volk ein Nationalheld, der Vater der Nation, der
palästinensische
George
Washington.
Was wird jetzt geschehen? Kein Palästinenser hat auch nur
annähernd
die moralische Autorität Arafats. Darum brauchen seine
Nachfolger
Legitimation,
die nur freie Wahlen verleihen können. Solche sind aber unter
einer
gewalttätigen Besatzung beinahe unmöglich.
Die Palästinenser wollen der Welt zeigen, dass sie ein reifes,
demokratisches
und friedfertiges Volk sind. Das ist nicht leicht, denn die bewaffneten
Organisationen
glauben, dass Israel nur mit Gewalt dazu gebracht werden kann, einen
Palästinenser-Staat
entstehen zu lassen.
Um das Volk zu überzeugen, dass es einen anderen Weg gibt,
müssen
Arafats Nachfolger - Abu Masin (Mahmud Abbas) und Abu Ala (Mohammed
Kurei)
- beweisen, dass man das Ziel mit friedlichen Mitteln erreichen kann.
Nur eins ist sicher: Der tote Jassir Arafat ist noch
mächtiger,
als
der lebende es war. Kein Palästinenser wird es wagen, sich mit
weniger
zufrieden zu geben, als der Raïs als Minimum festgelegt hat.
Auch
nach
seinem Tod bleibt er der Führer seines Volkes.
(aus Spiegel Jahreschronik 2004)
Nachruf
Er war ein großer Feind
Von Uri Avnery
Jassir
Arafat war einer
aus der
Generation der großen Führer, die nach dem Zweiten
Weltkrieg
auftraten.
Als er Ende der 50er-Jahre auf der weltpolitischen Bühne
auftauchte,
war sein Volk nahe daran, in Vergessenheit zu geraten. Der Name
Palästina
war von der Landkarte gelöscht worden. Israel, Jordanien und
Ägypten
hatten das Land unter sich aufgeteilt. Die Welt hatte sich entschieden,
dass
es keine palästinensische nationale Entität gibt,
dass das
palästinensische
Volk zu existieren aufgehört hat - falls es überhaupt
jemals
existiert
hat.
Innerhalb der arabischen Welt wurde die "palästinensische
Sache"
noch erwähnt, aber sie diente nur als Ball, der zwischen
arabischen
Regierungen hin und her gestoßen wurde. Als Jassir Arafat,
damals
ein junger Ingenieur in Kuwait, die "palästinensische
Befreiungsbewegung"
gründete, deren Initialen rückwärts gelesen
Fatah
ergeben,
meinte er zunächst Befreiung von den verschiedenen arabischen
Führern,
um das palästinensische Volk für sich selbst sprechen
und
handeln
zu lassen. Das war die erste Revolution des Mannes, der
während
seines
Lebens wenigstens drei große Revolutionen in die Wege leitete.
Es war eine gefährliche Revolution. Fatah hatte keine
unabhängige Basis. Sie musste in den arabischen
Ländern
agieren, wo sie oft gnadenlos verfolgt wurde. Jene Jahre
prägten
Arafats charakteristischen Stil. Er musste zwischen den arabischen
Führern manövrieren, spielte sie
gegeneinander aus, benutzte Tricks, Halbwahrheiten, doppeldeutiges
Gerede, wich Fallen aus und umging Hindernisse. Er wurde Weltmeister
der Manipulation.
Mitte der 60er-Jahre begann Jassir Arafat mit seiner zweiten
Revolution: mit dem bewaffneten Kampf gegen Israel. Die
Anmaßung
war fast absurd: eine Hand voll schlecht bewaffneter und deshalb nicht
besonders wirksamer Guerillas gegen die mächtige israelische
Armee. Aber dieser Kampf brachte die palästinensische Sache
auf
die Agenda der Welt. Es muss offen eingestanden werden: Ohne die
mörderischen Angriffe hätte die Welt dem
palästinensischen Ruf nach Freiheit keine Aufmerksamkeit
geschenkt.
Für Arafat war der bewaffnete Kampf nur ein Mittel - nicht
mehr.
Nicht Ideologie, nicht eine Sache per se. Für ihn war klar,
dass
dieses
Instrument das palästinensische Volk stärken und so
die
Anerkennung
der Welt gewinnen, dass es aber nie Israel besiegen würde. Der
Jom-Kippur-Krieg 1973 veranlasste in seiner Zielsetzung eine neue
Kehrtwende. Er sah, wie die Armeen Ägyptens und Syriens nach
einem
glänzenden, anfänglich überraschenden Sieg
gestoppt und
am Ende von der israelischen Armee besiegt wurden. Das
überzeugte
ihn schließlich, Israel sei nicht durch Waffengewalt zu
überwältigen.
Deshalb fing Arafat unmittelbar nach diesem Krieg seine dritte
Revolution an: Er entschied, die PLO müsse mit Israel ein
Abkommen
erreichen und sich mit einem palästinensischen Staat im
Westjordanland und im Gaza-Streifen zufrieden geben. Nun war er mit
einer historischen Herausforderung konfrontiert. Er musste das
palästinensische Volk davon überzeugen, seinen
historischen
Standpunkt aufzugeben, nämlich die Legitimität des
Staates
Israel zu leugnen und sich nur mit den restlichen 22 Prozent des
Palästinagebietes von vor 1948 zufrieden zu geben.
Daran begann er auf seine ihm eigene Weise zu arbeiten: mit
Hartnäckigkeit, Ausdauer und Tricks - zwei Schritte
vorwärts,
einen zurück. Seit 1974 war ich Zeuge der enormen
Bemühungen,
die Arafat investierte, um sein Volk dahin zu bringen, diese neuen Wege
mitzugehen. Nach und nach wurden sie vom palästinensischen
Nationalrat, dem Parlament im Exil, akzeptiert. Zunächst durch
eine Resolution, die besagt, eine palästinensische
Behörde
"in jedem von Israel befreiten Teil Palästinas" aufzubauen und
1988 einen palästinensischen Staat neben Israel zu errichten.
Arafats (und Israels) Tragödie bestand darin, dass, sobald er
sich
einer friedlichen Lösung näherte, die israelische
Regierung
sich davon zurückzog.
Seine Mindestforderungen waren klar und blieben seit 1974
unverändert dieselben: ein palästinensischer Staat im
Westjordanland und im Gaza-Streifen, palästinensische
Herrschaft
über Ostjerusalem (einschließlich des Tempelberges -
aber
ohne die Klagemauer und das jüdische Viertel); die
Wiederherstellung der Grenzen von 1967 mit der Möglichkeit von
begrenztem, aber gleichwertigem Landaustausch; Evakuierung aller
israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet und die
Lösung des Flüchtlingsproblems in Abstimmung mit
Israel.
Für Palästinenser ist dies das
äußerste Minimum.
Kein Befreiungskämpfer hat während des letzten halben
Jahrhunderts so ungeheure Hindernisse überwinden
müssen wie
Arafat. Er war nicht mit einer üblichen gehassten
Kolonialmacht
konfrontiert oder einer
verachteten rassistischen Minderheit, sondern mit einem Staat, der nach
dem Holocaust entstand und von der Sympathie und den
Schuldgefühlen der Welt unterstützt wurde. In jeder
Hinsicht
- in militärischer, wirtschaftlicher und technologischer - ist
die
israelische Gesellschaft der
palästinensischen weit überlegen.
Als er dazu aufgerufen wurde, eine palästinensische
Behörde
aufzubauen, konnte er nicht wie Nelson Mandela oder Fidel Castro einen
vorhandenen
Staatsapparat übernehmen, sondern nur
unzusammenhängende,
verarmte
Teile des Landes, dessen Infrastruktur durch jahrzehntelange Besatzung
zerstört worden war. Er übernahm nicht eine
Bevölkerung,
die auf ihrem Land lebte, sondern ein Volk, das zur Hälfte aus
Flüchtlingen besteht und in vielenLändern zerstreut
ist. Die
andere Hälfte war entlang politischen, wirtschaftlichen und
religiösen Linien zerrissen. All dies, während der
Befreiungskampf weiterging. Es ist Jassir Arafats historisches
Verdienst, alle Teile zusammengehalten und unter diesen Bedingungen
nach und
nach zu seinem Ziel geführt zu haben.
Israel hat einen großen Feind verloren, der ein
großer
Partner und Verbündeter hätte werden können.
Mit den
Jahren wird seine Gestalt im historischen Gedächtnis immer
mehr
wachsen. Was mich betrifft: Ich achte ihn als
palästinensischen
Patrioten; ich bewundere ihn für seinen Mut; ich verstehe die
Bedingungen, unter denen er arbeiten musste; ich sah in ihm den
Partner, mit dem man eine neue Zukunft für beide
Völker hätte bauen können. Ich war sein
Freund. So wie
Hamlet
über seinen Vater sagte: "Er war ein Mann, nehmt alles nur in
allem;
ich werde nimmer seinesgleichen sehn."
(taz Nr. 7512 vom 12.11.2004, Seite 3, 177 Zeilen (Portrait), Uri Avnery)
Der
Bürgermeister aus Bethlehem schreibt:
Advent 2004
Noch einmal fühle ich mich als Bürgermeister von
Bethlehem
gezwungen, aller Welt meine große Sorge
über die
ernsthafte Bedrohung, die die Geburtsstadt Jesu und ihre Zukunft
überschattet, weiterzugeben: das israelisch
expansionistische Projekt will Rachels Grab und ein
großes
Gebiet des nördlichen Bethlehem annektieren und
unter
dauernde
israelische Kontrolle bringen.
Trotz der Tatsache, dass noch keine Entscheidung in der gegen
dieses Projekt angestrengten Klage gefallen ist, die wir vor 21 Monaten
vor den Obersten
Gerichtshof brachten, hat das Gericht kürzlich den
Militärbehörden die Genehmigung erteilt, mit der
Arbeit an
diesem Projekt zu beginnen. Die Genehmigung wurde als
Gegenleistung nach einer angeblichen Verpflichtung
durch
die israelische Armee gegenüber dem Gericht
erteilt -
nämlich den vorherigen Zustand wieder herzustellen,
wenn der Gerichtsspruch damit im Widerspruch
stünde.
Ich betrachte diesen Akt mit großer Besorgnis; denn
er ist
eine offensichtliche Umgehung der Legitimität unseres
Einspruches.
Es ist eine flagrante Verletzung aller Regeln und Konventionen und eine
Vorwegnahme des Gerichtsurteils, das so die israelischen
versteckten, expansionistischen Absichten, die Rachels Grab
und
das nördliche Gebiet von Bethlehem betreffen, aufdeckt.
Nach allem widerspricht es den Sicherheitsverordnungen, die
für Rachels Grab in Bethlehem nach dem Taba-Abkommen
vereinbart
wurden; es garantiert den Palästinensern freie
Bewegung auf der Hauptstraße, die von Jerusalem am
Grab
vorbeiführt. Die Ausführung dieses
israelischen
Planes ist für Bethlehem katastrophal. Er wird Tatsachen
schaffen,
die
dafür verantwortlich zu machen sind, dass unsere
Stadt
erstickt,
z.B. durch Schließung des einzigen
flaschenhalsartigen Zugangs
mit einer 9 Meter hohen Betonmauer und der Abtrennung des
ganzen
nördlichen
Teils der Stadt von seiner natürlichen Umgebung. Der Verlust
aller
ihrer
Felder ist für die Stadt schwer zu verkraften.
Solche Praktiken verdeutlichen die Politik der Macht
gegenüber den Unterdrückten - von
Gerechtigkeit und
Achtung vor dem anderen ist nichts zu spüren. Ganz sicher
helfen
sie nicht Brücken des Vertrauens
zu bauen und dienen nicht der Sache des Friedens.
Da sich Weihnachten nähert, würde ich gerne darauf
hinweisen,
dass diese Aggression gegenüber Bethlehem die ganze
christliche
Welt
angeht, da Bethlehem die Wiege der Christenheit und darum das Erbe der
Christen
in aller Welt ist.
Ich rufe alle Menschen guten Willens auf, die Rechte unserer kleinen
Heiligen Stadt zu verteidigen und dringend etwas zu unternehmen, damit
dieser unterdrückerische Plan verhindert wird.
Hanna J. Nasser
Bürgermeister von Bethlehem
Freue dich
nicht
Uri Avnery, 13.11.04*
„Freue
dich nicht
über den Fall deines Feindes, und dein Herz sei nicht froh
über sein Unglück; der Herr könnte es sehen
und
Missfallen daran haben .“ (Sprüche
Salomos, 24,17)
Dieses biblische Gebot ist eines der tiefsinnigsten jüdischen
moralischen Lehrsätze.
In diesem Zusammenhang wäre Israel weit
davon
entfernt, ein „jüdischer Staat“ zu sein,
wie er sich selbst gerne
definiert.
Die widerlichen unflätigen Ausdrücke, die in den
letzten
Tagen
über Arafat praktisch in allen israelischen Medien
verbreitet
wurden, lassen mich als Israeli vor Scham erröten.
Die Dämonisierung des palästinensischen
Nationalführers,
die seit Jahrzehnten ein Kernstück israelischer Propaganda
gewesen
ist, geht nun auch noch über seinen Tod hinaus. Es
scheint,
dass die 37 Jahre als Besatzer unsere Gesellschaft entmenschlicht und
ihr sogar das allgemeine Anstandsgefühl genommen haben.
Minister und Fischverkäufer, TV-Ikonen und
Universitätsprofessoren, „Linke“
und totale Faschisten
versuchten mit vulgärsten Ausdrücken einander zu
überbieten.
Niemals war die tiefe Kluft in der Wahrnehmung
beider
Völker deutlicher als an Arafats Beerdigungstag.
Während
israelische Kommentatoren und „Experten für
arabische
Angelegenheiten“ – die meisten Veteranen
verschiedener
Geheimdienstagenturen – den verstorbenen
Führer
als wahrhaftiges Monster, eine Verkörperung der Grausamkeit,
Verwerflichkeit und Korruption beschrieben - brachen Hundert
Tausende kummervoll Trauernde in Ramallah in Emotionen aus,
die
das Begräbnis in
ein Chaos verwandelten und fast unterbrochen hätten. Wenn die
israelische Armee an diesem Tag nicht alle Städte umzingelt
und
isoliert hätte, wären mehr als eine Million dort
gewesen.
Gush Shalom, die einzige israelische Organisation, die mit dem
palästinensischen Volk trauerte, entschied sich, eine
Delegation
zur Beerdigung zu schicken. Alle von uns Aktivisten, Frauen
und
Männer, trugen auf ihrer
Brust ein großes Abzeichen, das aus der israelischen und
palästinensischen Flagge besteht. Der Druck der Menge trieb
uns
auseinander. Während
der Stunden des Begräbnisses fühlten wir uns
vollkommen
sicher,
auch als Tausende von Schüssen in die Luft geschossen wurden,
um
den
Kummer und die Trauer zum Ausdruck zu bringen. Uns wurde hundertfach
Dankbarkeit und Freundschaft von Seiten der Palästinenser
jeden
Alters und jeder Position zum Ausdruck entgegen gebracht.
Ich war mitten in der Menge, als der Helikopter, der den Sarg brachte,
von Kairo kam. Als
ich neben dem Grab
zwischen
den palästinensischen Ministern, religiösen
Würdenträgern und Diplomaten stand, empfand ich,
während
der Helikopter den Boden
berührte, die Emotionen der großen Menge um uns
besonders
stark
und erinnerte mich an die Szene von Gamal Abd-al Nassers
Begräbnis
(1970),
als dort die Massen vorwärts drängten und
buchstäblich
den
Leichnam ihres geliebten Führers den Soldaten abnahmen. Ich
hatte
das
Gefühl, dass dies hier auch jeden Moment geschieht.
Und es
geschah.
Kein arabischer Führer – und sehr wenige
Führer der Welt –
weckte solch tiefe Liebe und Bewunderung
seines
Volkes wie dieser Mann, den die Israelis als wahrhaftiges Monster in
Menschengestalt betrachten. Die Palästinenser vertrauten ihm,
verließen sich auf ihn, ließen ihn alle
großen,
mutigen Entscheidungen fällen, holten sich von ihm die Kraft,
um
den unerträglichen Bedingungen einer brutalen Besatzung stand
halten zu können. Jetzt finden sie sich -
unvorstellbar
- auf einmal allein wie Verwaiste in einer vom
Tode
dieses einen Mannes für sie veränderten Welt. Er
hinterlässt eine große Lücke.
Was wird nun geschehen? Arafat brachte sein Volk vom Rande der
Vergessenheit an die Schwelle der Unabhängigkeit. Doch ist die
Schlacht der Befreiung noch längst nicht vorüber. Die
neue
Führung muss mit all
den Problemen, denen Arafat gegenüberstand, fertig werden
– ohne
die
gewaltige Autorität Arafats.
Abu Mazen, Abu-Ala und ihre Kollegen sind aufrechte und
anständige Leute. Ich kenne sie seit Jahren, meistens von
Treffen
mit Arafat. Aber
sie sind nicht im Volk verwurzelt. Es mag Jahre dauern, bis wieder eine
starke Führung auftaucht.
Im Augenblick sind die Palästinenser in ihrem Vorsatz
vereinigt,
der Welt zu zeigen, dass sie mit der Krisis in einer
zivilisierten und
verantwortlichen Weise fertig werden können. Dies
könnte
für
Israel (und natürlich auch für die Vereinigten
Staaten) eine
Chance
werden, mit dem palästinensischen Volk ein neues Kapitel ihrer
Beziehungen
aufzuschlagen.
Was könnte getan werden? Nun, da sollte es neue
Zeichen des
guten Willens geben mit solchen Gesten wie einer
Massenentlassung
palästinensischer Gefangener, einschließlich des
sehr
geachteten
Marwan Barghouti, der zu fünffach lebenslänglich
verurteilt
wurde.
Belagerungen sollten aufgehoben und militärische Operationen
wenigstens
eingeschränkt werden. Friedensverhandlungen sollten
für die
nächste
Zukunft angekündigt werden.
Der erste Test war natürlich das Begräbnis selbst.
Arafat
hätte – gemäß seinem Wunsch - in
Jerusalem beerdigt
werden sollen.
Seine Bestattung in Ramallah wird die Palästinenser nur in
ihrem
Kampf
anspornen, bis sie in der Lage sind, ihn dort beizusetzen. Der
Justizminister
Tommy Lapid, ein extrem Rechter, der sich liberal gibt, erzielte einen
neuen
Rekord in Pöbelhaftigkeit als er erklärte,
dass nur
„jüdische
Könige in Jerusalem beerdigt werden dürften und keine
arabischen
Terroristen“. Menachim Begin, ein Terrorist, der
„ein König“ wurde
und in Jerusalem beerdigt ist, könnte als
Präzedenzfall
dienen.
Das Wichtigste wäre nun, dass man die Palästinenser
in die
Lage versetzt, innerhalb der nächsten 60 Tage Wahlen
abzuhalten,
wie es
ihre Verfassung vorschreibt. Tatsächlich betraf mein letztes
Gespräch mit Arafat vor nur wenigen Wochen die Wahlen.
(Übrigens sah er damals noch ganz gesund aus.) Wir stimmten
darin
überein, dass sie undurchführbar seien,
während die
israelische Armee routinemäßig
mögliche Kandidaten umbringt und die Bewegung zwischen den
Städten
und Orten fast unmöglich macht. Wie wollen Kandidaten
– falls sie
am
Leben bleiben – für Stimmen werben? Wie sollen sie
Material
verteilen,
Versammlungen abhalten und über Politik debattieren, wenn im
Hintergrund
Panzer stehen und Kampfhubschrauber über ihren Köpfen
kreisen?
Diese Situation muss sofort verändert werden. Alle
militärischen Einheiten müssen wenigstens aus den
Gebieten,
die unter der Jurisdiktion der Palästinensischen
Behörde stehen, (nach den Oslo-Abkommen
die sog. Zonen
A und B) zurückgezogen werden, die Bewegungsfreiheit
wieder hergestellt, die Kampagne der „gezielten
Liquidationen“ gestoppt
und
vor allem internationale Beobachter eingeladen werden.
Wird das geschehen? Wahrscheinlich nicht. Ariel Sharon hat absolut kein
Interesse daran, einer demokratisch
gewählten
Führung, die international legitimiert und geachtet wird,
gegenüber zu sitzen, die vielleicht sogar seine Kontrolle
über Präsident Bush schwächt und seinen Plan
zerstört, der die Annexion des größten
Teils der
Westbank vorsieht. Er wird alles tun, um die Wahlen zu verhindern
– und
die Schuld daran, natürlich, den Palästinensern in
die Schuhe
schieben.
Wie immer ist es ratsam zu ignorieren, was Sharon sagt - und
genau darauf zu achten, was er tut.
* Genau vor 30 Jahren, am 13.11.1974, stand Yasser Arafat vor
der
UNO und hielt seine berühmte Rede
Resolution von Gush Shalom zur Mauer
“Have we not all one father? Hath not one God created us? Why do we deal treacherously every man against his brother?…An abomination is committed in Israel and Jerusalem!” (Malachia, 2, 10-11)Judgement Day at The Hague
“Gush Shalom” salutes the judges of the International Court at The Hague as they start their deliberations today about the Wall that is being built inside the occupied territories.
“Gush Shalom” opposes this wall and demands the demolition of the part already built.
“Gush Shalom” strives for peace and reconciliation between the two peoples of this country, for a life of equality, cooperation and mutual respect between two states, Israel and Palestine. We are consequently opposed in principle to any barrier of separation between us.
A wall might be acceptable if it were built on the Green Line, as a temporary security measure until peace is achieved.
However, the Separation Wall that is now snaking through the West Bank is not being built for security reasons. The Sharon government is abusing the demand for security as a pretext for annexing territories, confining the Palestinians in isolated enclaves and expanding the settlements.
This wall will not bring security to the State of Israel and its citizens. It is creating more hatred, reducing still further the prospects for peace and perpetuating the interminable cycle of bloodshed.
This is a monstrous wall, inhuman and illegal. Anyone who supports it is not serving the cause of Israel’s security, but the destructive tendencies of extreme elements that threaten our future.
We, Israelis who care about peace, the future and the security of our state, call upon the citizens of Israel and the international community to raise their voices for peace and against this wall.
THE WALL MUST FALL!
Gush
Shalom
Contributions to
P.O.Box 3322,Tel-Aviv 61033,
info@gush-shalom.org,
www.gush-shalom.org
Genfer Abkommen zwischen israelischer und palästinensischer Delegation
Am 2. Dezember 2003 erschien die folgende Anzeige in der „Süddeutschen Zeitung“ zur Unterstützung der „Genfer Initiative“, die am Vortag von Israelis und Palästinensern unterzeichnet worden war:
Ein Zeichen der Hoffnung für Palästinenser und Israelis
Nach zweijähriger Vorarbeit haben am 1. Dezember 2003 eine israelische und eine palästinensische Delegation unter Führung des früheren Justizministers Yossi Beilin und des ehemaligen Mitglieds der palästinensischen Autonomiebehörde Yasser Abed Rabbo ein Dokument unterschrieben, das als „Genfer Initiative“ bezeichnet worden ist.
Diese Vereinbarung hat die endgültige Regelung des bitteren israelisch-palästinensischen Konflikts zum Ziel, indem
– beide Seiten das Ende der jahrzehntelangen Konfrontation bestätigen sowie einen Übergang von der Logik des Krieges in die Logik des Friedens, der Sicherheit, der Stabilität und der Zusammenarbeit einleiten,
– beide Seiten die Anerkennung des Rechts des jüdisch-israelischen Volkes und des arabisch-palästinensischen Volkes auf eigene Staatlichkeit beurkunden,
– beide Seiten ihre Verpflichtung auf die Normen des internationalen Rechts und die Charta der Vereinten Nationen unterstreichen,
– die Kontrolle und Koordination bei der Durchführung der Vereinbarung einer international besetzten „Implementation and Verification Group“ übertragen wird und eine multinationale Streitmacht die beiderseitige Sicherheit garantieren soll.
Dazu ist es nach Auffassung der Autoren notwendig, dass sich Israel auf die Grenzen von 1967 zurückzieht unter Wahrung des Rechts auf beiderseitig vereinbarte Modifikationen, dass die jüdischen Siedler nach Israel zurückgeführt werden, dass ein ständiger Korridor zwischen der Westbank und dem Gazastreifen geöffnet wird, dass Jerusalem neben der Hauptstadt Israels auch die Hauptstadt des Staates Palästina wird und dass für die palästinensischen Flüchtlinge von 1947/48 eine gerechte Regelung gefunden wird.
Mit der „Genfer Initiative“ liegt der internationalen Öffentlichkeit zum ersten Mal der Entwurf eines Vertrages vor, der von namhaften Israelis und Palästinensern ausgearbeitet worden ist. Nach unserer Auffassung verdienen die Bemühungen beider Delegationen unsere volle Unterstützung, für Einzelfragen bleiben Verhandlungsspielräume offen. Wir fordern von den Adressaten der Vereinbarung, der Regierung des Staates Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde, die Aufnahme direkter Verhandlungen auf dieser Grundlage. Gleichzeitig erwarten wir besonders von den USA, den Mitgliedstaaten der Europäischen Union und von Russland dringend, dass sie die Genfer Initiative unterstützen und nachdrücklich ihren Einfluss auf die Konfliktparteien zur Geltung bringen.
Die Genfer Initiative bietet eine in die Zukunft weisende Grundlage für die Regelung des israelisch-palästinensischen Konflikts. Deshalb muss das Jahr 2004 zum Jahr des tragfähigen Kompromisses und der friedlichen Koexistenz werden. Wir rufen alle Menschen in unseren Ländern auf, mit ihren Mitteln diesem Ziel zum Erfolg zu verhelfen!
Verantwortlich: Judith & Reiner Bernstein, München. Email: Reiner.Bernstein@web.de. Weitere Einzahlungen werden zur Unterstützung des politischen Geistes der „Genfer Initiative“ an Palästinenser und Israelis weitergeleitet: Sonderkonto „Genfer Accord“ bei Judith Bernstein Nr. 20 1316303, Sparda-Bank München, BLZ 700 90 500. Spendenbescheinigungen können aus formalen Gründen nicht ausgestellt werden.
Die englische Originalfassung und eine deutsche Fassung des Genfer Abkommens können unter der folgenden Adresse eingesehen werden:
Die MAUER MUSS WEG
Pressekonferenz von Dr. Norbert Blüm, Rechtsanwalt Winfried Seibert und Rupert Neudeck am 16. Dezember 2003 14 Uhr im Bonner Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
1. Die Mauer, fälschlicherweise Fence, Zaun genannt, wird Israel und den Juden in Israel keine Sicherheit geben. Sie ist purer Landraub. Ganz im Gegenzug zu der propagandistischen Version, die Mauer stelle eine legale Grenzbefestigung des Staates Israel gegen Angreifer aus einem benachbarten Lande dar, frißt sich die Mauer in palästinensisches Land.
2. Die sog. Siedlungen sind Wehrdörfer, teilweise richtige Städte für mehrere tausend „Siedler“, aufgebaut nicht auf Israel, sondern auf Palästina Territorium. Diese „Settlements“ sind schwer bewacht und umgeben mit Sicherheitsgürteln sowie Straßen, Tunneln die diese Wehrdörfer mit Tel Aviv und Jerusalem, also mit Israel proper verbinden. Für die Autostraßen gilt der aus Südafrika bekannte Grundsatz: „For Israelis only“. Diese Siedlungen werden für Israels Politik zum Alptraum werden. Sie sind es vielleicht jetzt schon.
3. Der von diesen Städten und Dörfern zersiedelte und zerhackte Raum Westbank oder West-Jordanland wird von Tag zu Tag unfähiger gemacht, ein Staat Palästina zu werden. Es fällt schwer, darin nicht gerade den Zweck der Übung zu sehen. Möglicherweise ist das die Absicht der Regierung Scharon, diese Unfähigkeit zu steigern.
4. Das Ausmaß an Demütigung, das durch die Absperrung aller Orte in der Westbank von Israel, aber auch untereinander erreicht wird, läßt Schlimmes befürchten. Demütigung ist immer die schlechteste Politik gewesen, nicht allein aus moralischen Gründen. Demütigung erzeugt die Unbedingtheit einer Widerstandes, der sich durch Jahrzehnte nicht von seinen Zielen abbringen läßt. Jedes Volk, das einmal in seiner Geschichte Opfer von Entwürdigung und Demütigung war, weiß das und ist stolz auf seinen Widerstand. Diese Politik ist unklug und unmenschlich. Sie ist entweder blind für die Leiden der Anderen oder setzt sich „um höherer Ziele willen“ bewußt über die Regeln der Menschlichkeit und das Völkerrecht hinweg.
5. Die Diplomatie und Politiker gehen heuchlerisch (objektiv heuchlerisch) davon aus, daß die Westbank ohne weiteres in einen funktionsfähigen Staat Palästina umgewandelt werden kann. Mit der voranschreitenden Zerstückelung des Landes und der täglich weiter gehenden Landnahme lässt sich absehen, daß dieses Ziel nicht zu erreichen ist. Vor Ort weiß und sieht man das. Wer auf dem Dach der deutschen protestantischen Schule Thalita Kumri in Beit Jala steht, kann es s e h e n. Wer Frieden für die Region und Sicherheit beiderseits der Grenzen will, muß die Besetzung und Besiedlung beenden. Er muß unterscheiden zwischen den vorgeblich friedlichen Absichten und den augenfälligen Taten.
6. Um die Siedlungen zu räumen, müssen die Siedler entschädigt werden. Das Geld müßte die Internationale Staatengemeinschaft aufbringen können. Damit bekämen die zwei Staaten vielleicht Ruhe und Frieden.
7. Beide Seiten haben tiefsitzende Ängste, reale und nicht eingebildete. Die Angst läßt kein Vertrauen aufkommen. Die Palästinenser werden von der Gewalt der Besatzung gedemütigt. Außerdem haben sie Angst vor einem Transferprogramm, das Minister der real amtierenden Regierung Scharon in Israel verkünden (z.B. Minister Effi Eitan). 46 Prozent der Israel. Bevölkerung begrüßen das Programm einer Deportation der Araber. Die Juden in Israel haben Angst vor der Rückkehr der Palästinenser, weil es die Existenz Israels und seines Staates in Frage stellt.
8. Wie sahen auf den Autos in Israel die Aufkleber: „Wir - die Israelis, sie - die Araber. Eine Lösung: deportiert die Araber!!“
9.
Es wird ohne eine
internationale
Garantie und auch ohne internationalen Grenzschutz durch Blauhelme
keine Lösung geben. Israel muß seinen Widerstand
gegen die
Internationale Staatengemeinschaft, ihre Regularien und des
Völkerrechts aufgeben.
Rede
zur Verleihung
des Lew-Kopelew Preises
von
Uri Avnery am
6.11.2003
Meine
Damen und
Herren,
Liebe Freundinnen und Freunde,
Jedes
Mal, wenn ich
auf deutschem Boden
stehe, frage ich mich: Was und wo wäre ich, wenn es Adolf
Hitler
nie gegeben hätte?
Stünde ich hier mit
Sari Nusseibeh?
Wäre ich überhaupt ein Israeli?
Ich bin nicht weit von hier, in der westfälischen Stadt Beckum, geboren. Dort war mein Grossvater, Josef Ostermann, Lehrer der kleinen jüdischen Gemeinde. Aber meine Familie kam ursprünglich aus dem Rheinland. Meine Mutter erzählte mir einmal, aus welchem kleinen Ort wir stammen. Leider habe ich den Namen vergessen, und jetzt ist keiner mehr da, den ich fragen kann. Mein Vater, der im humanistischen Gymnasium Lateinisch als 1. Fremdsprache gelernt hatte, behauptete, unsere Familie sei mit Julius Caesar nach Deutschland gekommen. Aber archäologische Beweise dafür habe ich bis jetzt nicht gefunden. Die Familie war tief in der deutschen Kultur verankert. Mein Vater, ein leidenschaftlicher Musikliebhaber, hat Brahms und Beethoven verehrt. Die Ouvertüre von Wagners „Meistersinger“ war sein Lieblingsstück. Kein Werk der deutschen Literatur fehlte in unserem Bücherschrank, ich habe sie fast alle vor meinem 15. Geburtstag gelesen.
Mein Vater kannte Goethes „Faust“, beide Teile, auswendig. Als er sich 1913 mit meiner Mutter verlobte, war die Bedingung, dass sie bis zur Hochzeit „Fausts“ ersten Teil auswendig lernte. Die Gegenbedingung meiner Mutter war, dass mein Vater Tennis spielen sollte. Beide haben die Bedingungen treu erfüllt, aber einen Tag nach der Hochzeit hat meine Mutter den „Faust“ vergessen, und mein Vater hat nie wieder Tennis gespielt.
Was hat diese Familie, die Familie Ostermann, dazu gebracht, 1933 Deutschland für immer zu verlassen und in ein fernes, fremdes Land, das Land der Familie Nusseibeh, zu ziehen?
Ein einziges Wort: der Antisemitismus.
Zwar war mein Vater schon immer ein Zionist gewesen. Er war neun Jahre alt, als der „Erste Zionistenkongress“ stattfand. Er war von dieser Idee begeistert. Zur Hochzeit erhielt er als Geschenk eine Urkunde des jüdischen Nationalfonds, nach der in Palästina ein Baum in seinem Namen gepflanzt worden ist. Aber er hat nie daran gedacht, selbst nach Palästina auszuwandern. (Damals gab es einen Witz: Wer ist ein Zionist? Ein Jude, der mit dem Geld eines zweiten Juden einen dritten Juden in Palästina ansiedeln will.)
Zionisten waren damals in den deutschen jüdischen Gemeinden eine verschwindende Minderheit. Unter unseren Verwandten wurde behauptet, mein Vater sei nur darum Zionist geworden, weil er ein Querkopf war. (Anscheinend liegt dies in den Genen unserer Familie.)
Aber kurz nach der sogenannten Machtübernahme beschloss mein Vater auszuwandern. Der unmittelbare Anlass war klein. Mein Vater war ein vom Gericht ernannter Treuhänder und Konkursverwalter. Seine Ehrlichkeit war sprichwörtlich, er war „gerade wie ein Lineal“. Bei einer Gerichtsverhandlung rief ein junger Anwalt: „Juden wie Sie brauchen wir hier nicht mehr!“ Mein Vater fühlte sich zu tiefst verletzt, damit war für ihn Deutschland erledigt. Ich bin auch heute noch überzeugt, dass das Gefühl der Kränkung bei der Scheidung zwischen Juden und Deutschen eine große Rolle gespielt hat.
Wohin sollten wir? Kurz wurden Finnland und die Philippinen erwogen. Aber die zionistische Romantik gab den Ausschlag. Wir gingen nach Palästina, und seitdem ist das Los meiner Familie mit dem der Familie Nusseibeh untrennbar verbunden.
Als mein Vater zum Polizeipräsidium in Hannover ging, um sich abzumelden, sagte der Polizeibeamte: „Aber Herr Ostermann, was fällt Ihnen ein? Sie sind doch ein Deutscher wie ich!“ Ich erzähle diese Geschichte oft, um meine palästinensischen Freunde von der Versuchung zu bewahren, im Antisemitismus einen Bundesgenossen zu sehen. Also: die Antisemiten hassen die Juden, die Juden bilden die Mehrheit in Israel, Israel unterdrückt die Palästinenser, ergo: die Antisemiten sind die Freunde der Palästinenser.
Das wäre ein großer Irrtum.
Ohne den Antisemitismus wäre der Zionismus nie entstanden. Zwar behauptet die zionistische Legende, die Juden hätten sich in jeder Generation nach Palästina gesehnt, aber diese Sehnsucht war auf Gebete beschränkt. Tatsächlich haben die Juden im Laufe der Jahrhunderte nie die kleinste Anstrengung gemacht, sich in Palästina zu versammeln.
Ein kleines Beispiel: vor 511 Jahren wurde eine halbe Million Juden aus Spanien vertrieben. Die meisten von ihnen siedelten sich irgendwo im muslimisch-osmanischen Raume an, wo sie überall freundlich aufgenommen wurden. Sie ließen sich in Marokko, Bulgarien, Griechenland und in Syrien nieder. Nur nach Palästina, einer entlegenen Provinz des türkischen Reiches, gingen außer ein paar religiösen Schriftgelehrten kaum einer.
Muslime wenden sich im Gebet nach Mekka, Juden wenden sich im Gebet nach Jerusalem. Aber mit der zionistischen Idee eines Judenstaates hat das nichts zu tun.
Der moderne politische Zionismus war eine klare Reaktion auf den modernen Antisemitismus der nationalen Bewegungen Europas. Es ist kein Zufall, dass das Wort „Antisemitismus“ 1879 in Deutschland geprägt worden ist – und nur ein paar Jahre später hat Nathan Birnbaum, ein in Wien geborener Jude, das Wort „Zionismus“ geprägt.
Es war die Antwort auf die Herausforderung. Wenn die neuen nationalen Bewegungen in Europa, so gut wie ausnahmslos, nichts mit den Juden zu tun haben wollen, dann müssen eben die Juden sich selbst als eine Nation im europäischen Sinne konstituieren and ihren eigenen Staat gründen.
Wo? Im Lande der Bibel, dem damaligen Palästina.
So begann der historische Streit zwischen unseren beiden Völkern, dem Volk Sari Nusseibehs und meinem Volk: es ist ein Konflikt der heute – 2003 - schlimmer ist als je. Es fing damit an, dass die Zionisten ihr Ziel, die Juden aus Europa vor dem Antisemitismus zu retten, und die palästinensischen Araber ihr Ziel, Freiheit und Selbständigkeit in ihrem Vaterland zu erreichen, im selben kleinen Lande verwirklichen wollten, ohne die geringste Ahnung von einander zu haben.
Theodor Herzl, der Gründer der modernen zionistischen Bewegung, schrieb 1897, nach dem ersten Zionistenkongress in Basel, in sein Tagebuch: „In Basel habe ich den Judenstaat gegründet“. Damals war er noch nie in Palästina gewesen, er hatte keine Ahnung, wer dort lebte. Einer seiner Kollegen prägte den Ausspruch: „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“. Für sie war Palästina eben leer, unbewohnt.
Aber der Grossvater Sari Nusseibehs lebte damals in Palästina, zusammen mit einer halben Million anderer Araber. Sie hatten keine Ahnung – konnten ja keine Ahnung haben! – dass irgendwo in der Schweiz, in einer Stadt, deren Namen sie vielleicht nie gehört hatten, eine Versammlung stattfand, deren Folgen ihr Schicksal und das Schicksal ihrer Kinder und Kindeskinder, ihrer Familie, ihrer Stadt, ihres Dorfes, ihres Landes, für immer verändern wird.
Der Antisemitismus hat die zionistische Bewegung ins Rollen gebracht, der Holocaust hat ihr eine ungeheure moralische Wucht verliehen; auch heute treibt der Antisemitismus die Juden aus Russland, Argentinien und Frankreich massenweise nach Israel.
Die Palästinenser haben viele Feinde – aber keiner von ihnen ist so gefährlich für sie wie der Antisemitismus. Wenn in manchen arabischen Ländern heute versucht wird, diesen fremden Antisemitismus aus Europa zu importieren, so ist das äußerst verhängnisvoll.
Sari Nusseibeh und ich, zwei Semiten, die zwei mit einander verwandte semitische Sprachen sprechen, müssen Bundesgenossen im Kampf gegen diese alte und moderne kollektive Geisteskrankheit sein. Ich glaube, dass wir es auch sind.
Ich möchte aber gleich hinzufügen: Der Fluch des Antisemitismus darf nicht dazu missbraucht werden, um jegliche Kritik an meiner Regierung und meinem Staat zu verhindern. Wir Israelis wollen ein Volk wie alle anderen sein, unser Staat sollte ein Staat wie alle anderen sein, er darf und muss mit demselben moralischen Maßstab gemessen werden wie alle anderen Staaten.
Ja, auch hier, in Deutschland.
Keine Sonderbehandlung, bitte.
Nun dauert unser Streit schon über hundert Jahre, auf beiden Seiten ist eine fünfte Generation in ihn hineingeboren, eine Generation, deren ganze Geisteswelt durch den Konflikt geprägt ist. Ängste, Hass, Vorurteile, Stereotypen, Misstrauen bestimmen ihre psychische Welt.
Wir stehen am Rande des Abgrunds, und in beiden Völkern gibt es Führer, die uns befehlen: Vorwärts, marsch!
Wie beide stehen hier, weil wir unsere Völker vor diesem Abgrund bewahren, weil wir ihnen einen anderen Weg zeigen wollen.
Der Staat Israel besteht, keiner kann uns ins Meer werfen. Das palästinensische Volk besteht, keiner kann es in die Wüste treiben. Unser Ministerpräsident, Ariel Sharon, will aber ganz Palästina in einen jüdischen Staat umwandeln. Muslimische Fundamentalisten, wie die Hamas- und Jihad- Organisationen, wollen ganz Palästina einem muslimischen Staat einverleiben. Das ist eindeutig der Weg in die Katastrophe.
Wir beide glauben an Frieden, an die Versöhnung zwischen beiden Völkern. Wir glauben nicht nur daran, wir arbeiten daran, wir kämpfen dafür, jeder auf seine Art.
Wir haben gemeinsam an vielen Aktionen teilgenommen. Wir sind, Arm in Arm, an der Spitze eines großen Marsches von Christen, Muslimen und Juden am Sylversterabend 2001 durch die Gassen der Altstadt Jerusalems gezogen. Aber unsere Hauptaufgabe ist, unsere eigenen Völker davon zu überzeugen, dass Friede und Versöhnung möglich sind, dass auf beiden Seiten die Bereitschaft besteht, den Preis des Friedens zu bezahlen.
Das sind keine abstrakten Bestrebungen. Gusch Schalom, die israelische Friedenbewegung, der ich angehöre, hat 2001 einen Friedensvertrag in allen Einzelheiten ausgearbeitet und veröffentlicht. Vor kurzem hat Sari Nusseibeh mit Ami Ayalon, einem ehemaligen israelischen Geheimdienstchef, die Grundsätze einer Friedenslösung artikuliert. Jetzt hat eine neue Gruppe von israelischen und palästinensischen Politikern in Genf den detaillierten Entwurf eines Friedensvertrages vorgelegt.
Das Blutbad in unserem Land, das schon drei Jahre andauert, ist ein Symptom der Hoffnungslosigkeit, der Frustration und der Verzweiflung auf beiden Seiten. Natürlich gibt es keine Symmetrie zwischen Besatzern und Besetzten, Herrschern und Beherrschten. Die Gewalt der Besatzung ist nicht mit der Gewalt des Widerstandes zu vergleichen. Aber die Hoffnungslosigkeit, die auf beiden Seiten herrscht, und das gegenseitige Misstrauen sind vergleichbar, und unsere erste Aufgabe ist es, diese zu überwinden.
Wir glauben an den Grundsatz: Verfluche nicht die Dunkelheit, zünde eine Kerze an. Zusammen mit unseren Mitarbeitern, mit den Tausenden von Friedensaktivisten beider Völker, haben wir schon viele Kerzen angezündet.
Ich bin ein Optimist. Ich glaube, dass aus der Dunkelheit der Verzweiflung schon Dämmerung wird, es fängt ganz langsam an, heller zu werden. Die Überzeugung, dass das Blutvergießen zu nichts führt, breitet sich in Israel aus.
30 unserer Kampfpiloten weigern sich, unmoralische Befehle auszuführen. Die Zahl der Verweigerer unter unseren Soldaten wächst. Der Generalstabschef, bis vor kurzem ein extremer Draufgänger, hat seinen Vorgesetzten widersprochen und erklärt, das es keine militärische Lösung gibt. Die Genfer Friedensgespräche haben Wirkung, sie zeigen, dass es Partner für den Frieden gibt. Eltern gefallener Soldaten protestieren öffentlich gegen die sinnlose Opferung ihrer Kinder.
Es weht ein neuer Wind. Es entsteht neue Hoffnung. Wir werden alles tun, damit diese Hoffnung wächst, damit sie zu einer historischen Wende führt.
Als ein Gusch Schalom Aktivist nehme ich diese Auszeichnung dankbar an. Ich bin besonders stolz, weil sie mit dem Namen Lew Kopelews verbunden ist. Alle Kämpfer für Frieden und Menschenrechte in Israel, Palästina und in der ganzen Welt, gehören einer internationalen Gemeinschaft an, für die Lew Kopelew ein Vorbild war und ist.
Ich danke Ihnen. Wir werden Sie nicht enttäuschen.
"Wir müssen unsere Menschlichkeit wahren und unsere Vernunft wieder finden"
Sumaya
Farhat-Naser, Birzeit
Universität, über die Mauer und die
Eskalation der
Gewalt im Nahen Osten
Liebe Freunde,
es gäbe so viel zu berichten, täglich könnte ich schreiben. Es schmerzt, wenn man sich ständig mit all der Schwere befasst. Heute habe ich mich entschlossen das Thema "Mauer" näher zu bringen. Das nächste Mal, schreibe ich über die interne palästinensische Situation, danach wieder über meine Arbeit mit den Jugendlichen, die sehr gut weiter geht und Quelle meiner Kraft und Hoffnung ist.
Die MAUER zwischen unseren beiden Völkern, mit Gewalt errichtet, unterstützt die Ideologie der Landnahme und der Ausgrenzung der Palästinenser. UN-Resolutionen, Internationale Menschen- und Völkerrechtskonventionen sowie unterschriebene Verträge werden missachtet und umgangen. Nicht Ethik und Gerechtigkeit, sondern einzig Macht bestimmt die Politik von Heute. Die Bezeichnungen " Schutz-" oder "Sicherheits-Zaun", "Trenn-Wand", "Barriere", oder "Apartheid-Mauer" bringen Verwirrung, verschleiern die Realität und zeigen deutlich den Widerspruch zwischen den nationalen Interessen beider Völker. Wenn Mauern Sicherheit garantieren, warum werden sie dann nicht auch als Sicherheitsstrategie in anderen Ländern errichtet? Die Antwort ist einfach: Hier herrscht eine Besatzung, die Land und Boden will, und die Palästinenser kontinuierlich "aushungern" will.
Die bereits am 25.August 1978 veröffentlichte Landkarte in der Zeitung Al Hamishmar zeigte die Wunschvorstellung von Sharon im Bezug auf die besetzten Gebiete. Die Teilgebiete, die den Palästinensern damals übrig bleiben sollten, ähneln sehr stark den Gebieten nach Fertigstellung der Mauer. Geht ein Traum(a) von vor 25 Jahre nun in Erfüllung?
In meinen Ohren klingt ein Satz von einem israelischen Politiker: "Im Krieg macht man Dinge, die in Normalzeiten nicht zu machen sind." Die Situation des Chaos und die Spirale von Gewalt und Gegengewalt ist ideal, um auch auf anderen Gebieten - von der internationalen Öffentlichkeit fast unbemerkt - Tatsachen zu schaffen.
Die Grenze Israels von 1967 (die sog. Grüne Linie) beträgt 360 km. Die geplante Mauer wird 1.000 km überschreiten, weil sie sich tief in die besetzten Gebiete schlängelt. Ein erster Teilabschnitt von 145 km ist jetzt fertig gestellt. Es folgt eine kurze Beschreibung dieser ersten Phase. Als Grundlage dient dabei der Bericht von B'Tselem, einer israelischen Menschenrechtsorganisation, mit dem Titel "Behind The Barrier" von April 2003.
Die Trenn-Mauer, auch Barriere genannt, besteht teils aus Beton teils aus einem Stacheldrahtzaun. Bestandteile der Mauer sind: Elektronische Zäune mit Warnsignale sowie Wachtürme mit Scharfschützen. Auf der östlichen Seite der Barriere erstreckt sich eine so genannte "service road" umgrenzt von Stacheldrahtzaun. Östlich davon sind Gräben, einige Meter tief und breit. Auf der westlichen Seite der Barriere sind: ein Kontrollstreifen und eine Panzerspur. Dahinter erstreckt sich ein zweiter Stacheldrahtzaun.
Die Mauer reicht sechs bis sieben km tief in die Westbank, um Hinterland für Siedlungen zu sichern. Sie schafft Enklaven im Saumgebiet zwischen den beiden parallel verlaufenden Abgrenzungen. Die Mauer nimmt den Palästinensern rund 161.700 Dunum, was 2,9 Prozent der Westbank ausmacht. Betroffen sind 210.000 Einwohner in 67 Dörfern und Städten.
Viele Gemeinden und Menschen werden durch die Mauer nun aber auch willkürlich von ihren Ländereien getrennt: Ihre Häuser liegen westlich, ihre Länderein östlich der Mauer. Betroffen sind 72.200 Einwohner in 36 Dörfern
32
Brunnen (= 18 %
der westlichen
Wasserreserven) sind im Saum eingeschlossen und gehen den
Palästinensern verloren.
Eine Verbindungsstrasse, die
den Israelis
freie Fahrt die von Nord nach Süd mitten durch die Westbank
ermöglichen soll, vereinnahmt 17 % der besetzten Gebiete, weil
eine Zone von der Größe dreier Fussballfelder auf
beiden
Seiten entlang der Strasse, als Sicherheitszone genommen dient.
Fünf Haupttore und
26 "Agrar-Tore",
an denen jeweils Passierscheine verlangt werden, sind errichtet worden.
Es
ist sehr schwer solche Passierscheine zu bekommen, die Beantragung bzw.
Bewilligung dauert Tage, mitunter Wochen.
Die Schäden für die Wirtschaft, Bildung, das soziale Leben durch diese, den Menschen auferlegte Bewegungseinschränkung, der Verlust von Land und Eigentum sind jetzt schon unermesslich hoch und bedrohen in einem noch stärkeren Maße als bisher die Existenz der Palästinenser. Wie wird es erst nach Fertigstellung der Mauer sein? Für den Beobachter liegt die Vermutung nahe, dass sich mit all dem die Absicht verbindet, den Menschen das Leben so schwer zu machen, dass sie es nicht mehr ertragen können und sich entschließen das Land zu verlassen. Ist damit die Sicherheit wieder hergestellt?
Die jetzige Politik verfolgt ehrgeizig den Mauerbau, ungeachtet der Schäden und des Leids, welche der israelischen Gesellschaft und den Menschen in Israel und Palästina zugefügt wird.
Die
Hudna – Waffenstillstand
Endlich war es
möglich, dass ein
Hudna, Waffenstillstand, seitens der Palästinenser, erreicht
wurde. Hoffnungsvolle Atmosphäre und Erleichterung wurden
spürbar, verknüpft mit beginnender Verbesserung der
Alltagssituation. Dem israelischen Militär passte die Hudna
nicht,
denn das würde bedeuten, die Militäraktionen
müssen
gestoppt werden. Die Taktik von Ben Gurion passte genau: "Provozieren
um zu reagieren, wir sagen Ja, wenn sie Nein sagen, und wir sagen Nein,
wenn sie Ja sagen". Die Israelische Regierung verkündete, dass
Hudna eine palästinensische Angelegenheit sei, und Israel die
Politik der Ausschaltung
politischer Aktivisten weiter führen werde. Die Hudna wurde
vom
Militär
- wie Uri Avnery, ein israelischer Schriftsteller, schrieb - wie folgt
kommentiert:"
Jeder Tag Hudna ist ein Desaster! Die Reduktion der Gewalt auf fast
Null
ist ein großer Unglück: Unter dem Deckmantel der
Hudna
können
sich die Terrororganisationen erholen und neu formieren. Jeder
verhinderte
Anschlag heute wird uns morgen umso härter treffen."
Innerhalb der ersten sechs Wochen Hudna, tötete israelisches Militär 21 Palästinenser, und verletzte mehr als 160 Menschen bei der sog. "gezielten Tötung" von Aktivisten, mit Raketen und Bomben auf offener Strasse, sodass auch viele Zivilisten, darunter Kinder getötet oder verletzt wurden. Hauszerstörungen, Landnahme und Mauerbau gingen weiter. Damit war die Hudna zum Scheitern verurteilt. Der Kreis der Gewalt und Gegengewalt war eingeleitet: Am 8. August 2003 töteten israelische Soldaten zwei Hamas Kämpfer in Nablus. Die Vergeltung fand am 12. September, sechs Wochen nach Beginn der Waffenruhe seitens der Palästinenser statt: Hamas Attentäter töteten einen Israeli in Rosh-Ha'ayn und einen Siedler in Ariel Siedlung. Dies war nun der Anfang neu ausbrechender und eskalierender Gewalt. Jeden Tag werden Menschen getötet, andere verletzt, gefangen genommen und gefoltert. Das Leiden wird schrecklicher und blockiert den Weg zur Versöhnung. Solange Besatzung, Unterdrückung und Ungerechtigkeit herrschen, so lange wird es Widerstand geben. Tausende sind bereit sich zu wehren - und das mit allen Mitteln.
Wie viele müssen noch getötet werden, und wie erreicht man, dass keine neue Generationen von Kämpfern folgen werden? Die Antwort ist: Ende der Besatzung und eine gerechte Lösung, entsprechend der internationalen Legitimität, die einen wahren Frieden für beide Seiten bringt. Beide Gesellschaften leiden schwer und erkranken zunehmend am Verlust ihrer Menschlichkeit und Moral. Wir brauchen eine internationale Intervention, die beiden Seiten zur Vernunft verhilft. Anschläge auf Zivilisten und jegliches Töten sind Verbrechen, das niemals akzeptiert werden dürfen. Dieser Kreislauf muss sofort enden. Jede Verletzung, Tötung, jedes Unrecht vertieft die Gräben der Feindseligkeit und erschwert die Heilung und Genesung auf beiden Seiten. Wir müssen Rechenschaft ablegen uns selbst gegenüber, müssen unser Versagen zugeben und Verantwortung wahrnehmen. Wir müssen unsere Menschlichkeit wahren und unsere Vernunft wieder finden.
Ihre/Eure
Sumaya
Farhat-Naser,
Birzeit Palästina
September 2003
Interview mit Rafik Schami in der Heidelberger Studentenzeitung Ruprecht im Februar 2003
Mit fremden Augen gesehen
Rafik Schami über „sein“ Heidelberg und den Nahost-Konflikt
Rafik Schami, geboren 1946 in Damaskus/Syrien, wanderte 1971 nach Deutschland aus. In Heidelberg, wo er auch Chemie studierte, lebte er 14 Jahre. Als Autor wurde Schami durch seine im Orient spielenden Erzählungen bekannt. Seine neueste Veröffentlichung ist ein politisches Tagebuch über den 11. September.
Sie
sind
promovierter Chemiker, arbeiten aber als Schriftsteller. Haben Sie auch
etwas in der Richtung studiert?
Nein,
aber ich habe
schon in Damaskus Vorlesungen zur klassischen arabischen Literatur
besucht. Ich machte lediglich keine Scheine. In Heidelberg habe ich mit
meinem damals sehr schlechten Deutsch in dem Studentenheim, wo ich
wohnte, Geschichten erzählt. Ich fing auch an, in
studentischen
Blättern Geschichten zu veröffentlichen. Ganz kleine,
so
Zehnzeiler. Die Neigung zur Literatur blieb neben dem Interesse an der
Chemie bestehen. Meine erste richtige Veröffentlichung war ein
Märchenband, dann kam meine Doktorarbeit – eine
Reihenfolge mit
Symbolwert.
Wie war die
Zeit in Heidelberg?
Heidelberg
war
für mich anfangs eine negative Überraschung. Ich
erwartete
eine hochtechnisierte Welt, und entdeckte eine romantische Stadt mit
Pflastersteinen und einer altmodischen Straßenbahn. Die
zweite
Überraschung war, dass ich hier sehr schnell Freunde gefunden
habe, die mir das Gefühl der Fremdheit nahmen. Unter den
Studenten
im Wohnheim waren 30 bis 40 Nationalitäten vertreten.
In welchem
Wohnheim wohnten Sie denn damals?
Im
Collegium
Academicum …
…das CA in der
Seminarstraße, heute Sitz der Univerwaltung…
…ein
hervorragendes
Experiment der Amerikaner für Demokratie, dass leider durch
die
Uni zerschlagen wurde.
Was
war
besonders am CA?
Für
mich war
die Demokratie dort am beeindruckendsten. Alle das Leben betreffenden
Punkte wurden dort besprochen und darüber abgestimmt. Das war
für mich ein tiefgehender Lernprozess. Ich kam aus einer
Diktatur
und konnte hier üben, wie schwer Demokratie ist.
Außerdem
habe ich dort zusammen mit einem Kollegen den
„Pennern“ im Winter ein
Zuhause gegeben, damit sie nicht auf der Straße frieren
müssen. Wir haben sie über Nacht betreut, damit es
keinen
Krach gibt. Da kam es zu bewegenden Augenblicken, die mir keine
akademische Bildung geben konnte, sondern nur das CA.
Ihr
neues Buch
hat den Titel „Mit fremden Augen“. Fühlen
Sie sich heute – nach 30
Jahren Deutschland – als Fremder?
Nein,
als Person
fühle ich mich nicht fremd. Aber ich habe einen anderen
Blickwinkel – deshalb
„fremde Augen“: Das betont meine andere
Vergangenheit und meine andere
Erziehung. Zum Beispiel bin ich Christ, aber die Kultur, die mich
geprägt hat, ist islamisch-arabisch. Auf der anderen Seite ist
meine Kultur deutsch,
die Sprache, in der ich schreibe, das Land, in dem ich lebe, ist
deutsch.
Der
Palästinakonflikt ist wegen Israel für Deutschland
ein
Reizthema. Welche andere Perspektive haben Sie als jemand, der in
Deutschland im Exil lebt?
Die
Lösung
liegt nicht darin, nur zu Frieden mit einem bestimmten Land, wie dem
Irak, aufzurufen. Wenn man das Problem des Terrors lösen
möchte, muss eine Lösung für die gesamte
Region gefunden
werden. In Deutschland ist man vorsichtig, wenn es um die Beziehungen
zum Iran oder Syrien geht. Es gibt keine separate Lösung: Die
Diktatoren der gesamten Region müssen abgelöst
werden.
Syrien
gibt
vor, sich zu öffnen, praktisch hat sich aber wenig
geändert:
Sie sind dort immer noch Persona non grata. Wie sollen da Diktatoren
abgelöst werden?
Der
Konflikt
zwischen Palästina und Israel ist so gewalttätig
geworden,
dass er von innen nicht mehr lösbar ist. Da muss von
außen
ein Schlussstrich gezogen werden. Nicht mit Gewalt, sondern mit
Autorität der großen Staaten, der Amerikaner und der
Europäischen Gemeinschaft. In Arabien gibt es ein
großes
Problem: Die Macht der Familien in den Regierungen. Die
Söhne der Machthaber in Syrien, im Jemen, in Ägypten
werden
auf
die Machtübernahme vorbereitet. Die
Bevölkerung wird
nicht gefragt. Wenn die Führungsschicht nur aus den Clans
gebildet
wird, erzeugt das große Probleme. Das müssen die
Araber
selbst lösen.
Der
politische
Druck muss also von außen kommen, aber die Initiative von
innen?
Deswegen
wird ein
amerikanischer Schlag gegen den Irak auch nicht helfen. Da wird nach
Saddam
Hussein ein anderer kommen, der seinen Clan einführt.
Stattdessen
muss
die Welt dafür sorgen, dass der innere Widerstand
gestärkt
wird.
Es kann nicht sein, dass in einem Land die Gefängnisse mit
Journalisten
und Schriftstellern gefüllt sind, und gleichzeitig ein
Außenminister der EU zu Besuch ist. Der Druck von
außen
darf nicht im Interesse
einer opportunistischen Haltung gegenüber den Erdöl-
oder
Waffenfirmen gelockert werden.
Fischer
begründet seine Politik damit, dass er in den Ländern
nicht
den Einfluss verlieren will.
Dem
gegenüber
bin ich sehr skeptisch. Nur ein Beispiel von vielen: Wenn Fischer in
einer Zeit, in der er als neutraler Vermittler agiert, eine
Ehrendoktorwürde in Israel annimmt, wird er für die
arabische
Seite unglaubwürdig.
Kann
Israel
als Staat
überleben, wenn die Diktaturen der Nachbarländer
weiter
existieren?
Israel
wird weiter
bestehen. Es wird sicher für alle Beteiligten schwer werden.
Aber
ich stehe auf keiner Seite, sondern will für beide Seiten,
Israelis und Palästinenser sprechen. Beide Seiten sind zu
kritisieren: Die Israelis militarisieren sich, die
Palästinenser
werden undemokratischer. Beide müssen voneinander lernen.
Herr Schami, vielen Dank für dieses Gespräch.
(gan)